Das Kreuz mit der Schweiz

von Redaktion

Eishockey-WM im Land, in dem ein Fluch über den Deutschen liegt

Neuer Schweiz-Anlauf als Experte: Krupp 2026. Bringt er diesmal Glück? © Joyn

Machtlos an der Bande: Uwe Krupp als Bundestrainer 2009 in Bern. © imago

München/Zürich – Harold Kreis musste kurz überlegen, als er neulich darauf angesprochen wurde: Eine Weltmeisterschaft in der Schweiz, das müsse für ihn doch etwas Besonderes sein. „Ich habe in der Schweiz eine Zeit lang gearbeitet und noch Freunde“, antwortete der deutsche Eishockey-Bundestrainer – aber nein, es sei deswegen kein anderes Turnier als sonst: Sein Blick gilt nur dem Spielplan „und unserer Leistung auf dem Eis“.

Harold Kreis (67) hat die mit Abstand beste Erfahrung eines Deutschen in der Schweiz. Mit dem HC Lugano (2006) und dem Zürcher SC (2008) wurde er Meister, mit dem EV Zug stand er noch einmal (2017) im Finale. Als Spieler hingegen erlebte er noch den Beginn einer unheilvollen Serie mit: Deutscher in der Schweiz – das geht nicht gut.

WM 1990 in Bern: Es ist die letzte WM des Verteidigers Harold Kreis. Die deutsche Nationalmannschaft versinkt im Chaos. Aus der NHL wird Starverteidiger Uwe Krupp eingeflogen, der das sportliche Niveau auch beträchtlich anhebt. Bis zum positiven Dopingtest. Um mit der Zeitverschiebung klarzukommen, hatte er ein Mittel aus der amerikanischen Drogerie eingenommen – es enthielt aber verbotene Stoffe. Krupp verlässt das Turnier nach zwei Einsätzen durch die Hintertür. Bundestrainer Xaver Unsinn ist mit all dem überfordert – und schon mit einer Virusinfektion in die WM gegangen. Im sich zuspitzenden Abstiegskampf tritt er zurück, im entscheidenden Spiel gegen Norwegen coacht Assistent Erich Kühnhackl. Mit einem 4:0-Sieg (nach 3:7-Niederlage in der Vorrunde) wird gerade noch einmal der Abstieg vermieden.

WM 1998 in Basel und Zürich: Bundestrainer George Kingston, ein Kanadier, leidet unter der Struktur der DEL. Nach dem Bosman-Urteil von 1995 verpflichten die Clubs Heerscharen an ausländischen Spielern, für die deutschen gibt es kaum noch Jobs. Die Nationalmannschaft spiegelt diese Entwicklung. Im letzten WM-Spiel vor ein paar hundert Zuschauern im Zürcher Hallenstadion – eine Haushaltsmesse nebenan zieht mehr Leute an – wird eine Führung gegen Italien in letzter Minute verspielt. Aufgrund dieses Remis wird Deutschland Vorletzter unter zwölf Nationen und ist nicht mehr für die A-Gruppe qualifiziert. Bei einem Qualifikationsturnier im Herbst (dann schon unter Hans Zach als Trainer) wird der erste Abstieg seit 1973 amtlich.

WM 2009 in Bern: Uwe Krupp und Bern – die unglückselige Geschichte von 1990 erlebt ihre Fortsetzung. Krupp ist mittlerweile Bundestrainer, man will in der Schweiz Werbung machen für die WM 2010 in Deutschland, doch in sechs Spielen erzielt das DEB-Team ganze sechs Tore, gewinnt nur gegen Ungarn (2:1). Macht Platz 15 (von 16), eigentlich der Abstieg. Aber: Als Gastgeber im nächsten Jahr ist Deutschland gesetzt, so muss Österreich als besserer 14. runter. Wenigstens steigert sich Deutschland bei der eigenen Veranstaltung auf Platz vier.

Und sonst: Deutsche Karrieren in der Schweiz verliefen überwiegend unglücklich: Erich Kühnhackl verließ die Schweiz (EHC Olten) als Spieler nach eineinhalb Jahren wieder (1987). Hans Zach haderte als Trainer von Zürich mit der „katastrophalen Mentalität“ der Spieler (bis er 1998 nach einer halben Saison gehen musste). Toni Söderholm gab den Posten als deutscher Bundestrainer 2022 auf, um den SC Bern zu übernehmen – nach einem halben Jahr die Trennung. Uwe Krupp bewahrte 2025 den HC Lugano vor dem Abstieg, bekam nach drei Monaten aber kein weiteres Angebot mehr. Von den jetzigen Nationalspielern kapitulierte Marc Michaelis nach zwei Jahren (Langnau, Zug, 2024), „weil man als Ausländer schuld ist, wenn‘s für die Mannschaft nicht läuft“. Lediglich Dominik Kahun durchbricht das Gesetz des Scheiterns, hält sich seit fünf Jahren in der National League (Bern, Lausanne) und wird von den Medien aufgrund seiner Spielkunst als „Zitronenfalter“ gepriesen. „In Zürich habe ich zwar mal eine Finalserie verloren, aber die Vorfreude ist riesig, weil ich hier alles kenne“, sagt Kahun mit Blick auf die heute (16.20 Uhr) gegen Finnland beginnende WM.

Trotz der geschichtlichen Belastung: Die Deutschen sind entschlossen, sich auf die WM in der Schweiz zu freuen. „Das ist ein attraktives Set-up mit den neuen Hallen in Zürich und Fribourg“, findet Stürmer Maxi Kastner, „diese WM wird ein Highlight.“ Selbst der Schweiz-gebeutelte Uwe Krupp wird da sein, der TV-Sender ProSieben hat ihn als Experten verpflichtet. Krupp sagt einen deutschen Auftaktsieg gegen Finnland voraus.GÜNTER KLEIN

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