Ein Lauf zwischen den Welten

von Redaktion

4700 km durch die Türkei: Für Savas Coban ging es um mehr als nur den Sport

Einladung auf eine Tasse Tee. © Imagine Books

Coban hatte mit Belastungsschmerzen zu kämpfen.

Überglücklich beim Zieleinlauf in Istanbul: Coban spulte an 80 Tagen mindestens einen Ultra-Marathon ab. © Imagine Books

Der Lauf von Arda Saatçi hat hunderttausende Menschen begeistert. 600 Kilometer in über 120 Stunden durch Kalifornien. Einer, der sich mit Ultra-Läufen auskennt, ist Savas Coban. Der 33-Jährige lief 5170 km in 87 Tagen durch Peru und in 45 Tagen von München nach Istanbul. Das letzte Projekt: Einmal die Türkei laufend umrunden. 4700 Kilometer von Istanbul nach Istanbul. Eine sportliche, aber vor allem auch persönliche Herausforderung für den Bremer Extremsportler.

Herr Coban, laufend in 80 Tagen die Türkei umrunden – wie ist die Idee entstanden?

2021 bin ich im Sommer von München nach Istanbul gelaufen. Damals war ich aber nur kurz in der Türkei, habe nicht viel vom Land mitbekommen. Ich habe Familie im Südosten der Türkei, die haben damals schon gesagt: Lauf doch einfach noch ein Stück weiter zu uns. Ich bin in Deutschland geboren und aufgewachsen. Das Land meiner Eltern schien mir immer ein bisschen fremd. Ich kenne die Heimatstadt meiner Mutter, dann noch Istanbul – und das war es. Es ging auch um die Suche nach Identität. Das Peru-Projekt war viel extremer, der Lauf durch die Türkei persönlicher. In Deutschland bin ich der Türke, in der Türkei bin ich der Deutsche. Man schwebt ein wenig zwischen den Welten. Deutsch-Türke? Ich hatte immer das Gefühl, dass ich mich entscheiden muss.

4700 Kilometer in 80 Tagen – wie hat der Körper das weggesteckt?

Ich hatte sehr lange mit der Belastung zu kämpfen. Zu 99 Prozent bin ich auf Asphalt gelaufen, nur auf hartem Boden, das war in Peru anders. Der Schmerz ist mir komplett in den Körper gefahren, das waren intensive Tage. Ich würde bei so einem Projekt nie aufgeben, aber ich musste kämpfen. Nach einer Woche waren die Schuhe komplett durch. Pro Tag habe ich zwischen 5000 bis 8000 Kalorien verbrannt. Irgendwann hat man überhaupt keine Fettreserve mehr und verliert Muskelmasse.

Woran erinnern Sie sich besonders zurück?

Ich bin von Dorf zu Dorf gelaufen, von Çay zu Çay (lacht). Die Menschen waren überall unfassbar herzlich, ich wurde immer eingeladen. Diese Begegnungen haben viele schwierige Momente vergessen lassen. Ich bin durch den Geburtsort meiner Mutter gelaufen und habe meine Familie getroffen. Vor vier Jahren gab es dort ein schweres Erdbeben. Das Dorf ist teilweise noch zerstört, die Menschen leben in Zelten. Das hat mich sehr bedrückt.

Sind Sie durch die Läufe Ihrer Identität nähergekommen?

Ich habe meine Freude daran gefunden, dass ich beides sein kann, Deutscher und Türke. Es ist ein Privileg, wenn man zwei verschiedene Kulturen und Sprachen miteinander verbinden kann. Deutsch-Türke, den Begriff sehe ich nun positiv. In der Türkei habe ich manchmal gemerkt: Hier bist du eher deutsch. Wenn es beispielsweise um die konsequente Einhaltung von Regeln geht (lacht). In der Türkei ist niemand auf der Straße ein Fremder. Man spricht sich immer als Onkel, Tante, Abi, großer Bruder an. Beim Zieleinlauf in Istanbul war die Deutsche Botschaft da. Sie haben mir eine Tasche gegeben, auf der eine Brezel und ein Simit zu sehen waren. Darunter stand: Wir sind aus demselben Teig gemacht.

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