„Pesic ist ein General“: Rathan-Mayes (r.). © Haist/IMAGO
Feuer in Berlin: Pesic als Alba-Trainer. © imago
Unter Feuer bis zuletzt: Pesic als Bayerntrainer. © Haist/IMAGO
München – Es ist eine der bewegtesten Karrieren, die in den nächsten Wochen zu Ende geht. Svetislav Pesic hat sie in seinem lesenswerten Buch „Immer weiter“ (Edel Verlag, 29,90 Euro) niedergeschrieben. Am Sonntag (16.30 Uhr) nimmt die Abschiedstour mit dem ersten Viertelfinale gegen Rostock/Trier ihren Anfang. Danach wird er den Bayern beratend zur Seite stehen. Im Interview spricht der 76-Jährige darüber, wie man in viereinhalb Jahrzehnten erfolgreich bleiben kann.
Herr Pesic, Sie gehen in Ihre letzten Playoffs. Das Feuer brennt erkennbar auch mit 76. Was treibt Sie an?
Pesic: Das ist eine gute Frage. Heute sprechen viele immer nur von „Jobs“. Trainerjob hier, Trainerjob dort. Aber für mich war das nie nur ein Job. Es war immer Identifikation. Und Verantwortung. Verantwortung gegenüber den Menschen, die dir diese Aufgabe geben. Gegenüber dem Verein, den Spielern, dem gesamten Projekt. Ein alter Freund aus Serbien hat einmal zu mir gesagt: „Sveti, du sprichst immer noch von Enthusiasmus. Aber Enthusiasmus existiert heute nicht mehr.“ Er meinte: Heute ist alles Business. Alles ist Ergebnis. Du bist so gut wie dein letztes Spiel. Wenn du gewinnst, bist du gut. Wenn du verlierst, bist du gar nichts mehr.
Ist Trainer sein heute schwieriger?
Es ist anders. Der Trainer hat heute nicht mehr die Macht wie früher. Er wird von allen Seiten beeinflusst. Alle müssen zufrieden sein. Aber am Ende stehst du da. Die Leute sehen oft nur die 40 Minuten des Spiels. Aber sie sehen nicht, was danach passiert. Wir spielen heute alle zwei oder drei Tage. Die Spieler haben nach einem Spiel vielleicht zwei Tage zur Regeneration. Sie machen Physiotherapie oder bleiben zu Hause. Aber der Trainer arbeitet weiter. Er analysiert, sucht Lösungen, plant. Alle reden über die Belastung der Spieler. Aber kaum jemand fragt: Wie macht das der Trainer? Wie hält er das durch? Der Einzige, der kein Recht hat, enttäuscht oder zu begeistert zu sein, ist der Trainer.
Das klingt einsam.
Er soll immer die Quelle für die Energie der anderen sein. Aber auch der Trainer muss jeden Tag neue Energie finden. Das ist ein sehr komplizierter, einsamer Job geworden.
Trotzdem wirken Sie immer noch so, als würden Sie für jedes Projekt brennen.
Das hat für mich genau mit Enthusiasmus und Identifikation zu tun. Als ich Bundestrainer wurde, als ich nach Berlin kam, später Barcelona, München – ich war immer hundertprozentig mit dem Projekt identifiziert. Ich habe in Berlin gelebt, ich habe den Verein gefühlt und habe gedacht, es ist für immer. Das vermisse ich heute manchmal: diese echte, tiefe Identifikation. Wenn die Spieler spüren, dass dich das Ganze gar nicht berührt, was erwartest du dann von ihnen?
Sie haben mal gesagt: „Ich muss der passende Trainer für die Mannschaft sein, nicht die Mannschaft passend für mich.“ Funktionieren so 45 Jahre Erfolg?
Der Trainer muss seine Rolle verstehen. Er ist wegen der Spieler da – nicht umgekehrt. Gleichzeitig darf er nie über der Mannschaft oder dem Verein stehen. Aber: Alle müssen wissen, wer führt. Wer ist verantwortlich? Wem folgen wir? Das ist die Balance.
Es fällt auf, dass sie in Ihrer Karriere oft nicht zum fertigen Spitzenprojekt gegangen sind. Reizt Sie Strategie und Aufbauarbeit mehr?
Ich bin Trainer. Ich kann Barcelona trainieren oder eine Mannschaft in der zweiten Liga. Für mich ist entscheidend: Gibt es eine Herausforderung? Kann ich helfen? Beides hat seinen Reiz. Wichtig ist allerdings: Du musst Entscheidungen treffen. Wenn ein Spieler nicht ins Bild passt, musst du das sagen. Nicht aus persönlichen Gründen, sondern für das Team. Heute wollen oft alle mitentscheiden. Das macht es schwerer.
Strenge, eine harte Hand kennen die Spieler von Ihnen bis heute. Xavier Rathan-Mayes sagte kürzlich: „Der Trainer ist hart, ein General. Aber wenn du dich darauf einlässt, dann kannst du extrem viel profitieren“…
(Lacht) Gut, dass er das gemerkt hat. Aber klar ist auch: Training beginnt nicht erst auf dem Feld. Du musst mit Spielern Kaffee trinken, sie kennenlernen. Jeder hat ein Privatleben, Ängste, Stärken. Und: Spieler kontrollieren dich ständig. Sie beobachten: Ist der Trainer vorbereitet? Hat er gute Laune? Viele denken, der Trainer kontrolliert die Spieler. In Wahrheit beobachten die Spieler den Trainer viel genauer.
In Ihrem Buch „Immer weiter“ gibt es eine Anekdote aus Ihrer Jugend. Sie waren Fußballtorwart und haben bei einer Meisterschaft den entscheidenden Fehler gemacht. Wo wären Sie heute, wenn Sie diesen Ball gehalten hätten?
(lacht) Auch eine sehr gute Frage. Damals war es eine ganz andere Zeit. Da gab es nicht viel, auch kein Internet oder Tiktok. Wir waren draußen und es gab Sport. Handball oder eben Fußball waren bei uns in Jugoslawien am beliebtesten. Ja, ich war Torwart und ich war nicht schlecht. Dann war dieses Turnier. Im Finale hat es geregnet, der Ball war aus Leder und nass. Er ist mir durchgerutscht und wir haben 2:3 verloren. Wir haben auf der ganzen Fahrt nach Hause nur geweint, ich wollte nie wieder Sport machen. Dann kam Zvonimir Mincic, einer der ersten Basketball-Trainer und sagte: „Komm einmal zum Basketball.“ Ich bin hingegangen, habe ein paar Mal getroffen. Und wenn du den Korb ein paar Mal triffst, dann passiert es. Dann bist du infiziert.
Und nun geht ihre Karriere zu Ende. Ist ein Leben ohne Basketball denkbar?
Nein, Basketball wird immer in meinem Kopf und meinem Herzen sein. Aber ich merke, dass ich mehr Zeit für meine Familie möchte. Ich bin neulich vor einem Spiel in Tel Aviv aufgewacht, habe aufs Telefon geschaut und mich gefragt: Was machst du eigentlich wieder hier? Weißt du, wie alt du bist? Wenn man fast 77 ist und sagt, vielleicht werde ich 90, dann bleiben noch 13 Jahre. Da fragst du dich: Wie willst du diese Zeit verbringen? Klar ist aber: Basketball ist mein Leben. So wie Bayern mein Leben geworden ist. Ich werde in München leben und wenn der Club meinen Rat braucht, dann bin ich da.
Was bleibt nach dem Saisonende, vom Trainer Svetslav Pesic stehen?
Ich hoffe, dass wir mein letztes Spiel gewinnen. Den Rest müssen andere sagen. Aber: Ich war immer Trainer. Mit Enthusiasmus, Disziplin, Verantwortung und Identifikation. Das ist nicht alles – aber ohne das ist alles nichts.
INTERVIEW: PATRICK REICHELT