Und plötzlich brachen alle Dämme: Deutschland um Torhüter Jonas Stettmer sah sich im zweiten Drittel einer Flut an Gegentoren ausgesetzt. © ANDREAS BECKER/EPA
Zürich – Eishockeyspieler klammern sich immer an irgendetwas, und das Thema Viertelfinale ist bei der WM 2026 noch nicht vom Tisch, da auch die USA, der nächste Gegner am Mittwoch, vor sich hinschwächeln, 2:6 unterlagen die Amerikaner gestern den Finnen. Doch ist die deutsche Mannschaft noch zu einem Aufbäumen fähig? Nach dem Eindruck, den sie am Montagabend im Derby gegen Gastgeber Schweiz hinterließ: Nein. Bundestrainer Harold Kreis stand an der Bande, als wäre er Teilnehmer der Hallen-Gaudi „Freeze“, bei dem von der Kamera eingefangene Zuschauer einen Preis gewinnen können, wenn sie in ihren Bewegungen und ihrer Mimik innehalten. Kreis verfolgte eine schwere Niederlage seines Teams. Es wurde ein 1:6 (0:0, 0:5, 1:1). Nach drei Partien hat man keinen Punkt und nur zwei Tore.
Die große Frage vor diesem Spiel, das zum 164. Mal insgesamt und zum 32. Mal im Rahmen einer WM aufgelegt wurde: Könnte es den Deutschen gelingen, in den Schweizern die Urängste vor dem einstmals größeren Nachbarn zu wecken? Moritz Müller, der langjährige Kapitän der DEB-Auswahl und nun als Fernsehexperte unterwegs, erinnerte daran, wie man die Eidgenossen schon durch Kabinenwände dringendes lautes Vorlesen der Aufstellung einschüchtern konnte. Aber das sei leider Vergangenheit.
Der Plan war, den Schweizern mit der Torwartbesetzung eine Aufgabe zu stellen, die sie nicht erwartet hatten. Im deutschen Kasten stand Jonas Stettmer, der Berliner, in den Playoffs der DEL gerade als „Most Valuable Player“ ausgezeichnet. Der 24-Jährige kennt die Nationalmannschaft bislang nur aus Schnupperkursen, bei zwei Länderspielen saß er auf der Bank, nun fand sein richtiges Debüt statt. Der deutsche NHL-Keeper Grubauer hatte am Montagabend in Zürich Pause, der 1,95-Meter-Koloss Stettmer übernahm. Er waltete (zunächst) seines Amtes, seine Ausstrahlung übertrug sich auf die Vorderleute. Deutschland war gut im Spiel, hatte sogar eine große Chance bei einem Konter, bei dem sich eine Zwei-Mann-Überzahl ergab (7.).
0:0 nach 20 Minuten, ins zweite Drittel startete Deutschland mit zwei Minuten Powerplay – alle Voraussetzungen waren geschaffen, um bei diesem Turnier die Wende einzuleiten. Doch die Mannschaft schaffte es, von der asphaltierten Straße abzukommen, als wäre sie eine Piste voller Schlaglöcher. Sicher, zunächst war Unglück im Spiel: In einem guten Powerplay setzte Dominik Kahun die Scheibe an den Außenpfosten, die Schweiz konterte, der schlaue Denis Malgin vollendete mit noch drei Sekunden Unterzahl auf der Uhr zum 1:0 (26.). Zum Pech kam auf deutscher Seite das Unvermögen: Der wie schon bei Olympia indisponierte Kai Wissmann verschuldete das 0:2 (29./Andrighetto), 35 Sekunden später veranstalteten Leon Hüttl und Josh Samanski Chaos, das im 0:3 durch Bertischi mündete. Das Bild des zweiten Drittels war nicht mehr Zerberus Stettmer, sondern der auf dem Hosenboden hockende Wissmann, der mit dem Schläger aufs Eis hieb. Die Schweiz war endgültig die Beklemmungen los und spielte ihre Überlegenheit aus. 4:0 (38.), 5:0 (39.) durch die NHL-Stars Hischier und Josi jeweils in Überzahl – die Köpfe der Deutschen gingen nach unten. „Alles, was wir im ersten Drittel gut gemacht haben, war im zweiten schlecht“, sagte Verteidiger Mik.
Ein Durchgang blieb noch. Die Schweiz beließ es beim 6:0 (Andrighetto, 46.) – und aus deutscher Sicht ereignete sich noch eine kleine Erfreulichkeit: ein Tor. Nach 127 Minuten Pause. Frederik Tiffels mit dem 1:6 (56.).GÜNTER KLEIN