ZUM TAGE

Nagelsmann im Callcenter

von Redaktion

Der Bundestrainer und 62 Anrufe

Julian Nagelsmann hat angekündigt, bis zum Donnerstag 62 Anrufe zu tätigen, um Spieler über ihre (Nicht-)Nominierung für die Fußball-WM zu unterrichten. Dem Bundestrainer geht es wie vielen Deutschen Ende 30: Er lernt die Arbeit in einem Callcenter kennen. „Zur Qualitätssicherung zeichnen wir unsere Gespräche auf. Wenn Sie damit nicht einverstanden sind, drücken Sie die 1.“

Sicher hat Nagelsmann eine Reihenfolge erarbeitet, in der er die Anrufe abarbeiten will. Zum Einstieg ins Metier vielleicht eine leichte Ab- und eine erwartbare Zusage. Er hat gesagt, dass er sogar mit Spielern sprechen werde, die noch gar kein Länderspiel bestritten haben – also werden auf der Liste auch welche stehen, die begeistert sind, dass der Bundestrainer ihren Namen kennt und einen Gedanken an sie verschwendet. Eine Zusage, die leicht über die Lippen kommt, wäre: „Einmal jährlich überprüfen wir, ob du im besten Tarif für unser Produkt bist – und ja, das ist der Fall: Josh, du fährst mit nach Amerika. See you im Herzo-Trainingslager.“

Der Verlauf der Gespräche wird durch den Einstieg bestimmt. „Nagelsmann hier“, „Der Julian“, „Hi, Julsi in der Leitung“. Zusammen mit den DFB-Psychologen hat Nagelsmann sicher erarbeitet, zu welchem Spielerprofil eher die Förmlichkeit passt, zu welchem die Anbiederung. Neben sich hat Julian Nagelsmann einen Zettel liegen, auf dem die wesentlichen Textbausteine notiert sind. „Das ist keine Entscheidung gegen dich (hier Namen einsetzen, z.B. Olli), sondern für deinen Mitspieler (hier wieder Namen, etwa Manu), von dem wir, das Trainerteam, alle meine Benjamins, Krone, Freistoß-Mads, der Neue aus Holland, ich, glauben, dass wir unter den sehr speziellen Umständen dieses einen Turniers den um eine winzige Margin größeren Benefit haben. In zwei Jahren kann die Ausschreibung wieder eine ganz andere sein.“ Wenn das Gespräch gänzlich unerfreulich verläuft, steht da der rot markierte Satz: „Wenn du diesmal nicht dabei bist, heißt das nicht, dass du der schlechtere Mensch bist.“

Wichtig ist die Reihenfolge der 62 Anrufe. Schlüsselpersonalien erst ganz zum Schluss. Nicht dass da einer am Dienstag auf eine Nebenrolle eingestimmt wurde, womöglich hingeschmissen hat und dann die Wade des Bevorzugten am Mittwoch für die WM absagt. Sonst müsste Callagent Julian alle Tricks aufbieten: „Wir haben deinen speziellen Fall heute noch einmal besprochen und können dir ein interessantes verbessertes Angebot unterbreiten. Gültig bis… Moment, das wäre bei sofortigem Vertragsabschluss ohne Widerrufsrecht.“

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