Auf dem Bauch und auf dem Hosenboden: Die Deutschen (Eric Mik, Kai Wissmann, Torwart Jonas Stettmer, v. l.) wurden von der Schweiz komplett entzaubert. © Claudio Thoma/dpa
Zürich – 6:1 war das Spiel ausgegangen, einer der Trainer sagte: „Es ist alles in Ordnung.“ Von dem auf der Gegenseite war zu hören: „Ich bin nicht hier, um zu genießen.“
Wem ist welches Zitat zuzuschreiben? Doch sicher nicht Harold Kreis, dem deutschen Bundestrainer, dasjenige, welches nach Zufriedenheit klingt? „Es ist alles in Ordnung.“ Aber ja: Das sagte Kreis, als es darum ging, wie diese tiefgreifende Niederlage gegen die Schweiz, dieses 1:6, zustandegekommen sein konnte.
Er war gefragt worden, ob sich da etwas in den Köpfen seiner Spieler festgesetzt hatte, die bei dieser WM 2026 in allen bisherigen Partien (1:3 gegen Finnland, 0:2 gegen Lettland, 1:6 gegen die Schweiz) nie in Führung gingen, sondern immer nur hinterherliefen. „Es ist keine Kopfsache“, legte Kreis seine Sicht der Dinge dar. Man sei gut gestartet, die Führung der Schweizer (25. Minute) entsprang einem „abgefangenen Pass, es kommt der Konter, schon fällt das Tor“. Danach hätte der Gegner „Blut gerochen, nachgesetzt und nachgesetzt“. Doch grundsätzlich und trotz des Mitteldrittels, das 0:5 ausgegangen war: „Die Mannschaft macht alles, was sie kann, um erfolgreiches Eishockey zu spielen. Wir sind eine Mannschaft, die einfach und schnörkellos spielt. Wir können nicht das gleiche Eishockey spielen wie die Schweizer. Aber“, so schloss der 67-Jährige, „es ist alles in Ordnung.“
Das ist eine ziemlich exklusive Sichtweise. In der Kritik steht der Kader, der überbordet vor Spielern für defensive Rollen, aber dessen Talent nicht ausreicht, um zwei offensiv produktive Sturmreihen zu bauen. In der Kritik stehen Über- und Unterzahlspiel, die beide nicht funktionieren, was in die Zuständigkeit der Co-Trainer Mark French und Alexander Sulzer fällt. Und es braut sich was zusammen rund um Harold Kreis, dessen Coaching nicht wahrzunehmen ist. Warum nahm er nach drei Gegentoren binnen dreieinhalb Minuten keine Auszeit? Es habe in dieser Phase „zwei Fernsehpausen“ zu je 70 Sekunden gegeben, „da muss ich keine Auszeit nehmen“, verteidigte Kreis sein Vorgehen. Doch nutzte er die Pausen, um seinen Spielern zuzureden, sie aufzumuntern, anzustacheln, was auch immer? Kreis: „Ich habe gesagt, jeder soll tief durchatmen und sich beruhigen.“
Zur Ruhe kommen, das war am Tag danach angesagt. Ihr Training strich die deutsche Mannschaft, um sich zu sammeln für das Spiel gegen die USA (Mittwoch, 20.20 Uhr). Weil der Weltmeister und Olympiasieger bislang nur Großbritannien geschlagen hat (5:1), aber sowohl der Schweiz (1:3) als auch Finnland (2:6) unterlag, ist für die Deutschen der Weg ins Viertelfinale theoretisch noch offen – wenn ab jetzt alles gewonnen wird. „Wir geben noch lange nicht auf“, erklärte Torwart-Debütant Jonas Stettmer, „und wir haben genug Leute, die wissen, wie man unter Druck abliefert.“ Verteidiger Kai Wissmann fordert: „Wir müssen 60 Minuten so spielen wie die ersten 20 gegen die Schweiz.“ Fredrik Tiffels, der das einzige Tor erzielte: „Wir hatten gute Phasen, das sollte uns Mut machen. Aber es muss alles um ein Stück besser werden.“ Im letzten Vorbereitungsspiel auf die WM am Sonntag vor einer Woche war man den Amerikanern 2:5 unterlegen.
Freier Tag in Zürich, dann „voller Energie ins nächste Spiel“ (Tiffels) – die klassischen Durchhalteparolen. Doch Tatsache ist: So vorgeführt wie nun wurden die Deutschen von der Schweiz noch nie. Die Eidgenossen sind weit enteilt und nehmen einen klaren Sieg nun eher geschäftsmäßig als emotional an. „In Gedanken bin ich immer schon beim nächsten Shift. Ich bin nicht hier, um das zu genießen,“ Das hat der andere Trainer gesagt, der klar siegreiche des Abends, Jan Cadieux.GÜNTER KLEIN