Mehr geht nicht: 2019 überquerte Haug als Erste die Ziellinie auf Hawaii. © Pintens/dpa
Mit ihrem ersten Fahrrad – alle Weltmeister fangen klein an. © Privat (2)
2013 mit Jan Frodeno nach Team-Gold bei der WM. © Imago
Anne Haug ist in Bayreuth geboren, hat in München studiert und lebt heute mit Hund und Partner auf Lanzarote.
Nach 3,8 km Schwimmen, 180 km Rad und 42,2 km Laufen: Triathleten sind es gewohnt, zu leiden. © Hilger/Imago
München – Als Anne Haug in München Sport studierte, konnte sie nicht Kraulschwimmen. Knapp 15 Jahre später gewann die Bayreutherin den Ironman auf Hawaii. Vor knapp einem Jahr hat die heute 43-Jährige ihre Triathlon-Karriere beendet – gestern erschien ihre Biografie „Ironmade“ (Riva, 20 Euro).
Anne, wie war die Zeit nach Ihrem Rücktritt?
Die erste Woche habe ich den Sport einfach Sport sein lassen. Mit dem Ergebnis, dass ich fast nicht mehr aus dem Bett gekommen bin. Die Fußgelenke waren steif, es hat überall gezwickt, dem ganzen Körper hat die Bewegung gefehlt.
Von 100 auf 0 geht selten gut.
Genau, man muss abtrainieren. Das ist auch kardiologisch sinnvoll. Mein Sportlerherz hat sich über Jahre aufgebaut, das würde sonst in sich zusammenfallen. Dan (Lorang, Trainer, Anm. d. Red.) hat mir deshalb ein Training pro Tag verordnet. Aber ich habe schnell gemerkt, dass mir das nicht reicht. Mittlerweile mache ich täglich meistens zwei Einheiten.
Wie war es mental nach über 20 Jahren Trainingsplan?
Dan hat mir 20 Jahre lang jeden Tag gesagt, was ich machen soll. Mein Leben war streng strukturiert, planbar und auf ein Ziel ausgelegt. Die Freiheit war etwas Neues, und der Prozess, mich daran zu gewöhnen, hält immer noch an. Wobei ich eine gewisse Routine einfach beibehalten habe. Ich stehe zum Beispiel immer noch gerne früh auf und mache die erste Einheit vor dem Frühstück.
Vor knapp zwei Wochen haben Sie in Bayreuth einen lokalen Halbmarathon gewonnen. Ihre Zeit lag zwei Sekunden über der bei ihrem Triumph 2023. Die Form ist noch da, oder?
Das Schwimmen lasse ich sehr schleifen. Aber solche Rennen machen mir Spaß. Leider lief der schnellste Mann immer so 200 Meter vor mir und ich habe mich nicht getraut, am Anfang gleich mitzugehen. Aber klar, ganz komme ich wohl nie aus meiner Haut. Wenn ich an einer Startlinie stehe, möchte ich das Beste aus mir herausholen, egal wie fit ich im Moment bin.
Sehen Sie Profirennen und rechnen durch, wozu es noch reichen könnte?
Nein, gar nicht. Ich war in meinem Mindset immer sehr klar. Als es vorbei war, war es vorbei. Ich habe 20 Jahre das Beste aus meinem Körper geholt und kann ohne jegliches Bedauern zurückschauen und loslassen. Mehr hätte ich dem Sport nicht geben können, und jetzt genieße ich die „andere Seite“.
Die WM 2025 im Oktober war ursprünglich ein Ziel. Als Sie Lucy-Charles Barclay und Taylor Knibb jeweils in Führung liegend torkeln gesehen haben – waren Sie sogar froh, so etwas nicht mehr erleben zu müssen?
Mein Credo war immer: Lieber alles geben und dabei scheitern, als Vierter werden mit dem Gedanken, dass mehr drin gewesen wäre. Die beiden können guten Gewissens sagen: Der Tank war leer, mehr ging nicht. So hart kann Triathlon manchmal sein.
Bei all den Qualen: Warum haben Sie mit 19 Jahren mit diesem Sport angefangen?
Es hat mich fasziniert. Laufen und Radfahren lag mir auch nahe. Nur Kraulschwimmen konnte ich gar nicht. Ich hatte sogar eine Chlorallergie und als Kind Angst, im See zu schwimmen. Aber ich wollte nicht akzeptieren, dass mich das aufhält. Ich war auch nicht supertalentiert. Aber ich wollte beweisen, dass harte Arbeit fehlendes Talent ausgleichen oder sogar schlagen kann.
Talent hatten Sie im Tennis. Im Buch schreiben Sie von einem 6:0 gegen einen späteren Profi aus Bayreuth. Da kommen nur Flo Mayer oder Philipp Petzschner infrage. Wer war’s?
Flo Mayer (schmunzelt). Wir waren sieben oder acht Jahre alt. Ich hätte die Chance auf einen Förderkader gehabt – wenn mir meine Eltern davon erzählt hätten. Haben sie aber nicht, weil sie dagegen waren, dass ich mich zu früh spezialisiere und zu früh Leistungssport betreibe. Im Nachhinein habe ich mich manchmal gefragt, was wäre, wenn. … Ich habe es mit 14 auch erneut ernsthafter probiert. Aber der Zug abgefahren und ich vom Kopf her auch nicht bereit.
Beim Tennis verliert man viel, hat aber schnell neue Chancen. Im Triathlon zählen oft nur zwei oder drei Tage im Jahr. Wie sind Sie damit umgegangen?
Augen auf bei der Berufswahl – so ist Triathlon eben. Am Tag X abzuliefern, diesem extremen Druck standzuhalten, gehört zum Wesen des Leistungssports. Damit muss man zurechtkommen, ganz gleich, wie hart es ist, und es macht Gewinnen zu so etwas Besonderem.
Wer viel gewinnt, bekommt viel Preisgeld. Wie steht es um den Rest?
Richtig gut verdienen nur die, die oben auf der Sahne schwimmen. Auf der Kurzdistanz gab es Momente, da habe ich eher ums Überleben gekämpft. Bei meinen Langdistanzstarts auf Hawaii war Platz drei immer die Grenze. Dahinter wäre es ein Minusgeschäft gewesen. Nicht weil ich so luxuriös gelebt habe, sondern weil vor Ort mittlerweile alles unglaublich teuer ist. Sie glauben gar nicht, was sogar ein Campervan für knapp zwei Wochen kosten kann.
Nach Ihrer ersten Olympiateilnahme hatte sich ein prominenter Brausesponsor mit Ihnen beschäftigt …
… Dann aber davon abgesehen, weil ich ihnen zu alt war. Ich war damals 30.
Der Hawaii-Triumph, der Weltrekord, die drei Siege in Roth – alles kam danach.
Das Alter war für mich immer nur eine Zahl, das hat mich eher angestachelt. Wenn man seinen Körper pflegt, glaube ich, dass er nicht der limitierende Faktor ist. Als ich auf die Langdistanz gewechselt bin, hatte ich nicht mal ein Zeitfahrrad. Letztlich hab’ ich auf der Distanz dann alles gewonnen, was es zu gewinnen gibt. Dabei war die Kurzdistanz meine Leidenschaft. Man kann sich wohl nicht aussuchen, wo seine Talente liegen.
Arda Saatci ist 600 km durch die kalifornische Wüste gelaufen. Was halten Sie von solchen Distanzen?
Für mich ist das Extremsport, aber kein Leistungssport, weil das Messen mit anderen fehlt. Ich empfinde es als eine unfassbare, nicht nur körperliche, sondern vor allem mentale Leistung. Der Körper ist eben zu so viel mehr imstande, als wir uns vorstellen können. Für mich wäre das aber nichts. Die Leute fragen mich oft, ob ich nicht bei einem Ultralauf starten will. Aber der Marathon hat mir völlig gereicht, schon die Distanz konnte ich mir anfangs nur schwer vorstellen.
Apropos Marathon: Was sagen Sie zur geknackten 2-Stunden-Marke?
Das war für mich nur eine Frage der Zeit.
Gar keine Skepsis?
Ich will an das Gute im Menschen glauben. Dass auch der Zweitplatzierte darunter war und der Dritte einen neuen Rekord gelaufen wäre, hilft mir dabei. Zudem: Das Material wird wirklich immer besser. Wir sind vor 15 Jahren noch mit Schuhen gelaufen, da konntest du danach zwei Tage nur rückwärts die Treppe runter, weil die muskuläre Belastung so hoch war. Das ist heute anders.
Wie lange geben Sie Ihrem Ironman-Rekord (8:02:38 Stunden) noch?
Das werden wir sehen. Sicher ist: Auch der wird fallen, denn die Welt bleibt nicht stehen. Und das ist gut so. Wir brauchen solche Ziele, um über uns hinauszuwachsen.
Wenn Sie einen Moment in Ihrer Karriere ändern könnten: welchen?
(überlegt) In der Grundschule war ich mit einer Freundin ein paar Mal im Schwimmverein. Fand es aber furchtbar. Hätte ich damals richtig schwimmen gelernt, hätte mir das später vieles erleichtert. Wobei, vielleicht hätte ich dann gar nicht mit Triathlon angefangen. Ich glaube gerne, dass alles im Leben für etwas gut ist.
Auch die Rad-Panne bei der WM 2024? Auf den Moment hätte ich getippt.
Ein bitterer Augenblick, weil ich in der Form meines Lebens war und gleichzeitig vollkommen hilflos. Auf der anderen Seite: Bis zu dem Zeitpunkt war ich bei jedem Langdistanz-WM-Rennen auf dem Podium. Vielleicht war mein Glück da einfach aufgebraucht.
INTERVIEW: MATHIAS MÜLLER