Das schwerste Telefonat führte Nagelsmann mit Matthias Ginter. © Schüler/Imago
Frankfurt – 62 Telefonanrufe hat Julian Nagelsmann im Laufe der Woche getätigt, 26 von ihnen waren positiv. „Aber mein Hirn“, sagte der Bundestrainer am Donnerstagmittag auf dem DFB-Podium in Frankfurt, „war gestern Abend einfach matsche“. So eine Nominierung, das weiß der Chefcoach von der Heim-EM 2024, „ist schwerer als das Turnier selbst“. Manchmal „fies“, manchmal „unangenehm“, manchmal „fair“, anders gesagt: Schön, dass es vorbei ist – und die WM nun endlich kommen kann. „Ich bin mega heiß, die Jungs sind mega heiß“, versicherte Nagelsmann mit Blick auf die 26 Männer, die bei der WM in den USA, Mexiko und Kanada (11. Juni bis 19. Juli) zu Helden werden sollen.
Nicht weniger als der fünfte Stern für Deutschland ist das Ziel, gerne wiederholte der DFB-Trainer, was er schon beim Turnier-Aus vor zwei Jahren gesagt hatte: „Wir wollen Weltmeister werden.“ Darüber, wer für diese Mission am besten geeignet ist, wurde „bis kurz vor knapp diskutiert“. Die Truppe um Kapitän Joshua Kimmich passt „menschlich und sportlich“ perfekt zueinander: „Das Team ist der Kern!“ Nicht über wenige Topstars wie Jamal Musiala, Florian Wirtz oder Rückkehrer Manuel Neuer will die DFB-Elf das Turnier aus Gruppe E (Curacao, Elfenbeinküste, Ecuador) aufrollen, sondern im starken Kollektiv. Dafür mussten teils harte Entscheidungen getroffen werden – mit Überraschungen in beide Richtungen.
In emotionalen Videos wurden die ersten Enthüllungen schon ab Donnerstagmorgen gepostet (siehe Text unten). Die A-Elf stellt sich über Neuer, „Leader“ Kimmich, Jonathan Tah, Nico Schlotterbeck, David Raum hinter Aleksandar Pavlovic, Leon Goretzka und die Offensiv-Reihe Jamal Musiala, Florian Wirtz, Kai Havertz und Nick Woltemade so gut wie selbst auf. Im Tor rückt Oliver Baumann auf die „Nummer 1b“, Alexander Nübel reist als dritter Mann mit. Optionen für Abwehr und Mittelfeld sind Waldemar Anton, Nathaniel Brown, Pascal Groß, Felix Nmecha, David Raum, Antonio Rüdiger, Angelo Stiller und Malick Thiaw. Vorne sollen es Nadiem Amiri, Maximilian Beier, Lennart Karl, Jamie Leweling, Leroy Sané und Deniz Undav richten. Namen wie Brown, Thiaw, Amiri und Beier hatten nicht alle auf dem Zettel.
Sicher ist: Jeder kennt seine Rolle, Nagelsmann ist trotzdem „ein Freund davon, dass Spieler verschiedene Positionen spielen können“. Und so hatten die Auserwählten auch mindestens eine Mini-Nase vor all denjenigen, die der Bundestrainer enttäuscht zurücklassen musste. Den Kölner Said el Mala zum Beispiel – oder Karls Münchner Kumpel Tom Bischof („war traurig und gefrustet“). Das härteste Gespräch, so klang es durch, hatte Nagelsmann mit dem Freiburger Matthias Ginter („auch für den Trainer nicht toll“). Neben den verletzten Stammkräften Marc-André ter Stegen und Serge Gnabry fehlten auch größere Namen wie Niclas Füllkrug oder Robert Andrich. Auffällig auch die Verknappung des Stuttgarter Blocks: kein Chris Führich, kein Maximilian Mittelstädt, kein Josha Vagnoman. Getragen wird die Elf von der starken Bayern-Fraktion, die nach Neuers Kehrtwende aus sieben Profis besteht.
Der Weg ist lang, aber Nagelsmann sieht sein Team „gerüstet“. 21 Tage bleiben, um in den Tests gegen Finnland und die USA am Feinschliff zu arbeiten – und das Land zu entfachen. „Lasst uns gemeinsam etwas Großes kreieren. Wenn wir alle an einem Strang ziehen, wird es ein tolles Turnier“, sagte der 38-Jährige in Richtung der Fans. Schluss jetzt mit Matschbirne und „palavern“ – „wir müssen ins Handeln kommen“.H. RAIF, V. TSCHIRPKE, P. KESSLER