Lipowitz fuhr bei der Tour ins Weiße Trikot. © Bertorello/AFP
Ralph Denk denkt groß. © GARCIA/Imago
Jonas Vingegaard (re.) ist der Giro-Favorit. © Ferrari/Imago
Lokalmatador Giulio Pellizzari (22) ist eines der Nachwuchstalente aus dem Red-Bull-bora-hansgrohe-Team. © Ferrari/Imago
München – Er ist spätestens seit dem Einstieg von Red Bull einer der einflussreichsten Radsport-Funktionäre. Und Ralph Denk hat mit seinem Rennstall Red Bull Bora hansgrohe entsprechend hohe Ziele. Beim Giro d`Italia peilt der 52-Jährige zumindest das Podium an – mit Giulio Pellizzari oder Jai Hindley. Doch sein Traum ist ein anderer, wie Denk im Interview erzählt.
Herr Denk, vor dem Giro hieß es: In Rom kann nur Jonas Vingegaard oben stehen. Teilen Sie diese Einschätzung nach der ersten Rennhälfte?
Ja, insgesamt macht er den Eindruck des stärksten Fahrers. Aber der Giro ist speziell. Hier wird offensiver gefahren als bei der Tour de France, die Fahrer gehen mehr Risiko ein. Deshalb entstehen auch Konstellationen, die man bei der Tour kaum sehen würde – etwa Außenseiter im Rosa Trikot mit mehreren Minuten Vorsprung. Am Ende gilt: Der Giro endet erst in Rom. Auch Vingegaard muss erst gesund durchkommen.
Aus Ihrem Team wurde vor allem Giulio Pellizzari viel zugetraut. Bleibt das Podium das Ziel?
Absolut. Wir sind noch nicht ganz in Position, aber definitiv in Schlagdistanz. Und Giulio hat bereits einen enormen Schritt gemacht. Wir sprechen über einen Fahrer, der Etappen gewinnen und bei großen Rundfahrten vorn mitfahren kann. Ob er ein wirklich ikonischer Fahrer wird – einer, der große Rennen auf Ansage gewinnt –, muss man abwarten. Aber sein Potenzial sieht man. Auf der zweiten Etappe war er der Einzige, der Vingegaard folgen konnte. Später hat er am Blockhaus vielleicht etwas Lehrgeld bezahlt, aber genau diesen Stil brauchen wir. Wir fahren schließlich nicht zu einer Grand Tour, um Dritter zu werden. Wir wollen gewinnen.
Der Einstieg von Red Bull verstärkt diesen Anspruch. Bedeutet das mehr Druck oder mehr Möglichkeiten?
Klar ist: Red Bull will gewinnen. Aber das empfinde ich nicht als Druck. Der Einstieg hat uns in vielen Bereichen neue Möglichkeiten eröffnet – vom Performance Center bis zum Marketing. Heute sind wir in einer Position, in der wir realistisch sagen können: Wir gehören zu den besten Teams der Welt. Besonders wichtig finde ich dabei, dass Bora hansgrohe weiterhin ein zentraler Bestandteil des Projekts bleibt. Es ist ein sehr partnerschaftliches Modell entstanden.
Davon profitiert auch die Nachwuchsarbeit. Ihr Junior-Team gehört zur Weltspitze.
Und genau das war sicher auch ein wichtiges Argument für Red Bull. Im U19-Bereich sind wir die Nummer eins der Weltrangliste, im U23-Bereich Nummer zwei. Das zeigt, wie ernst wir dieses Thema nehmen. Für mich ist es ohnehin das Schönste, mit Fahrern zu gewinnen, die man selbst entwickelt hat. Ich habe große Siege mit eingekauften Stars wie Peter Sagan erlebt. Aber ein Fahrer wie Florian Lipowitz ist eine andere Geschichte. Den haben wir über Jahre begleitet und aufgebaut. Er hatte das weiße Trikot, war Dritter bei der Tour de France. Vielleicht kann er das wiederholen oder sogar steigern.
Beim Deutschen Skiverband dürfte man das mit gemischten Gefühlen sehen. Lipowitz galt schließlich als großes Biathlon-Talent.
Er ist ein klassischer Quereinsteiger – genau wie Remco Evenepoel, der aus dem Fußball kommt. Im Radsport funktioniert das eher als in vielen anderen Sportarten, weil zunächst einmal die körperliche Leistungsfähigkeit entscheidend ist. Das kann man relativ schnell entwickeln. Andersherum wird es schwierig: Ein Radfahrer wird mit 19 nicht plötzlich Eishockeyprofi, wenn er vorher nie auf dem Eis stand. Aber wir nehmen anderen Sportarten nichts weg. Im Gegenteil: Wir stehen mit vielen Verbänden im engen Austausch.
Wie sieht dieser Austausch konkret aus?
Unser Performance-Team arbeitet eng mit dem Ski- oder Leichtathletik-Verband zusammen. Der Radsport hat in den vergangenen Jahren eine enorme Performance-Infrastruktur aufgebaut. Das wird von anderen Sportarten wahrgenommen. Eine schöne Geschichte war Laura Dahlmeier. Sie wollte nach ihrer Karriere unbedingt bei uns hinter die Kulissen schauen und ein Praktikum machen. Ich habe ihr gesagt: ‚Du hast doch schon alles gesehen‘. Aber sie meinte, sie kennt nur das kleine Biathlon. Sie wollte sehen, wie moderner Hochleistungssport im Radsport funktioniert.
Ist der Radsport in seiner Entwicklung weiter als andere?
Der Sport hat seit den Krisenjahren um 2000 enorme Fortschritte gemacht. Heute ist Radfahren ein Lifestyle geworden – man sieht das gerade in Südeuropa sehr stark. Aber bei Themen wie Vermarktung und Internationalisierung steckt noch riesiges Potenzial drin. Andere Sportarten, etwa Fußball oder Formel 1, sind da deutlich weiter. Ich glaube, der Radsport kann global noch wesentlich größer werden. Das ist eine Vision, die mich antreibt.
Und sportlich? Haben Sie Träume?
Ich würde sehr gerne die Tour de France gewinnen. Wir haben bereits Grand Tours gewonnen, Monumente, Weltmeisterschaften – aber die Tour fehlt noch. Das würde ich gerne ändern. Das ist mein großer Traum.
INTERVIEW: PATRICK REICHELT