Zuschauen und bibbern

von Redaktion

Deutsche Mannschaft bei WM zu spät in Form gekommen

Hattrick für Deutschland: NHL-Stürmer Lukas Reichel brillierte gegen Österreich. © CLAUDIO THOMA/EPA

Zürich – Nach dem mittäglichen Nickerchen vor dem vermeintlichen Endspiel wartete eine böse Überraschung. „Vor dem Zubettgehen stand es 1:1“, erzählte Eishockey-Nationalspieler Frederik Tiffels, „ich bin aufgewacht und habe meinen Zimmernachbarn gefragt, wie es ausgegangen ist.“ Torhüter Jonas Stettmer hatte schlechte Nachrichten: Lettland hatte die USA mit 4:2 geschlagen damit das deutsche Team quasi schon vor den letzten beiden Vorrundenspielen aus dem WM-Turnier in der Schweiz gekegelt.

Denn der überzeugende 6:2-Sieg gegen Österreich am Samstagabend, der eigentlich ein Meilenstein auf dem Weg ins Viertelfinale sein sollte, war nicht mehr allzu viel wert. Die Chancen, dass die Auswahl des Deutschen Eishockey-Bundes (DEB) nach schwachem WM-Start doch noch die K.o.-Runde erreicht, waren rapide gesunken.

„Das war ein mentaler Breakdown für uns“, sagte Stürmer Maximilian Kastner. Und Tiffels ergänzte: „In so einer Situation möchte man nicht stecken. Aber das können wir jetzt nicht mehr ändern.“

Die Lage ist in der Tat frustrierend: Weil die deutsche Mannschaft gegen Lettland vor einer Woche 0:2 verlor und danach gegen die USA beim 3:4 nach Penaltyschießen zwei Punkte kurz vor Schluss aus der Hand gab, war klar, dass auch der 6:3-Erfolg am Montagabend gegen Absteiger Großbritannien allein nicht mehr zum Weiterkommen reicht. Patzen Lettland und die USA? Die Letten dominierten die Briten mit 6:0, die USA rollte mit 7:3 über Ungarn. Also erstmal keine Schützenhilfe.

„Jetzt stehst du da und bibberst“, sagte Kapitän Moritz Seider sichtlich verärgert, „das sollte nicht unser Anspruch sein.“ Richtig freuen konnte sich der NHL-Verteidiger deshalb über den zweiten WM-Sieg nach dem 6:2 gegen Ungarn nicht. „Wir haben das Turnier vorher verloren, wir haben dem Gegner zu viel auf dem Silbertablett präsentiert.“

Jetzt hilft nur noch „ein Wunder“, wie Torhüter Philipp Grubauer es formulierte. Sonst stünde das dritte enttäuschende Turnier in Folge zu Buche – nach dem Vorrunden-Aus vor einem Jahr in Dänemark und dem schwachen 2:6 im Olympia-Viertelfinale mit allen NHL-Stars um Leon Draisaitl gegen die Slowakei. Und die Diskussion um Bundestrainer Harold Kreis nähme richtig Fahrt auf. Denn ein Jahr vor der Heim-WM in Düsseldorf und Mannheim mit dem Auftaktspiel auf Schalke wäre die Stimmung in Eishockey-Deutschland nur drei Jahre nach dem Silbercoup von Tampere im Keller.

Grund zur Freude hatte zumindest Lukas Reichel. Der NHL-Stürmer, der kurz vor der WM einen neuen Einjahresvertrag bei den Boston Bruins unterschrieben hatte, erzielte seinen ersten Dreierpack in der Nationalmannschaft. Zusammen mit Tiffels und NHL-Neuling Joshua Samanski bildet der 24-Jährige in Zürich die einzige Sturmreihe, die offensiv internationalen Ansprüchen genügt.

„Wir verstehen uns gut auf dem Eis“, sagte Reichel, „Freddy motiviert uns immer gut auf der Bank, Josh hat immer ein Lachen im Gesicht. Es macht Spaß mit den beiden.“ Wenig spaßig ist dagegen die Aussicht, nach dem Spiel gegen Großbritannien noch einen Tag länger in Zürich bleiben und zusehen zu müssen, wie die Konkurrenz in der Tabelle der Gruppe A (Lettland, USA, Österreich – Schweiz und Finnland sind uneinholbar) höchstwahrscheinlich vorbeizieht. SID

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