Das Schlussbild: Deutsche Mannschaft nach dem 6:3-Sieg gegen Großbritannien – der aber nichts mehr nützte. © DEB/City-Press
Zürich/München – Was anfangen mit diesem Dienstag, von dem man nicht wusste, ob es ein Tag vor dem nächsten Spiel sein würde – oder schon der nach dem Ende der Saison?
„Wir wickeln den Tag so ab, als ob wir weiter wären“, legte Bundestrainer Harold Kreis fest. Und Sportvorstand Christian Künast ergänzte: „Wir haben um 13 Uhr Training, sind also eh im Stadion. Und wenn wir vom Eis runtergehen, haben wir schon eine Tendenz.“ Denn seit 12.20 Uhr spielte auf der Hauptfläche der Züricher Swiss Life Arena Lettland gegen Ungarn – und das war das entscheidende Spiel, nachdem die deutsche Eishockey-Nationalmannschaft die WM-Vorrunde am Montagabend mit einem pflichtgemäßen 6:3 gegen Großbritannien abgeschlossen hatte. Ob das noch für die Viertelfinal-Qualifikation reichen würde, lag nicht mehr in deutscher Hand. Und schnell zeichnete sich ab: Es wird auch nichts mehr. Die Letten nahmen mit einem ungefährdeten 8:1 (3:0, 2:1, 3:0)-Sieg den Deutschen den Platz in der K.o.-Runde weg. Keine Schützenhilfe von Ungarn, die Deutschen packten die Sachen. Zweites Vorrunden-Aus in Folge.
Jetzt geht es an die Aufbereitung des Turniers. Die abschließenden drei Spiele (Ungarn. Österreich, Großbritannien) wurden klar gewonnen – „doch dass die Welt deswegen wieder gut aussehen soll, das ist nicht die Realität“, sagte Moritz Seider, der Kapitän des deutschen Teams. Wenn er so durch das Programm ging, hörte sich das so an: „Gegen eine sehr schlagbare finnische Mannschaft haben wir eine ordentliche Leistung gezeigt.“ Aber 1:3 verloren. „Gegen eine sehr schlagbare amerikanische Mannschaft haben wir zwei Punkte verloren.“ Eine 3:2-Führung wurde nicht verteidigt, am Ende stand ein 3:4 nach Penaltyschießen. Schmerzlich waren das 1:6 gegen die Schweiz und letztlich entscheidend für das Scheitern das 0:2 gegen Lettland. Seider: „Diesem Spiel sind wir die ganze Zeit hinterhergelaufen.“ Das Fazit des NHL-Stars: „Wir haben immer ordentliche Starts hingelegt, sind aber abgekommen vom Plan. Wir werden unserem Standard nicht gerecht, begehen zu viele individuelle Fehler – so kannst du auf diesem Niveau nicht überleben.“
Christian Künast, der Sportvorstand des Deutschen Eishockey-Bundes, empfand Seider als „einen Ticken zu kritisch“, musste aber wesentliche Defizite eingestehen. Etwa bei den Special Teams. Mit 50 Prozent Erfolg im Unterzahlspiel hatte Deutschland die schlechteste Quote, auch die 17,65 Prozent im Powerplay waren nicht die Wucht. Beide Werte addiert müssten bei einem guten Team über 100 Prozent liegen. Außerdem ein Thema: die Besetzung des Kaders. Sie hatte gelitten unter Absagen. „90 bis 95 Prozent der Spieler kommen gerne“, so Künast. Was allerdings auch bedeutet: Fünf bis zehn Prozent haben keine Lust.
„Wir stehen zwischen Platz sieben und zwölf in der Welt und können nicht immer konstant ums Halbfinale spielen“, hat Künast die Ansprüche heruntergeschraubt, die noch nach WM-Silber 2023 andere waren. Auch (Ex-)Kapitän Moritz Müller, bei dieser WM nicht als Spieler, sondern als Experte für MagentaSport im Einsatz, sagt: „Es ist kein Selbstläufer, ins Viertelfinale zu kommen.“ Der 39-Jährige findet, es sei „an der Zeit, dass sich alle einen Tisch setzen. Wenn nicht jetzt, wann dann?“ Ein positives Beispiel für die Bündelung der Kräfte habe man mit der Schweiz vor die Haustür. Müller: Aber wir eifern der Schweiz nicht nach, wir bewundern sie nur.“GÜNTER KLEIN