Abstecher zum Fanshop: Löwenschals, wie Graf hier einen hochhält, habe es in den 60er-Jahren nicht gegeben. © Sampics
Historisches Bild: Die Löwen-Fans feiern mit Regenschirmen die Meisterschaft. © Imago
Hier ist er gestanden: Manfred Graf zeigt die Stelle auf dem Marienplatz, von der aus er Brunnenmeier, Radi & Co. bei der Meisterfeier 1966 zugejubelt hat. © Sampics / Stefan Matzke
München – Es nieselte über Giesing, als Manfred Graf aufs Radl stieg und den deutschen Meistern hinterherfuhr. Vorne rollten offene Cabriolets Richtung Marienplatz. Hinten strampelte ein 17-Jähriger aus dem Lehel durch den feuchten Frühlingsabend von 1966 – immer den Löwen nach. „An diesem 28. Mai“, sagt Graf heute, „hat man schon das Gefühl gehabt: München ist blau.“
Der TSV 1860 war deutscher Meister. Zum ersten und bis heute einzigen Mal. Und Graf war mittendrin.
„Die Spieler sind erst zum Trainingsgelände gefahren“, erinnert er sich. „Und von dort ging dann der Korso los.“ Es habe leicht genieselt, später stärker geregnet. „Aber kalt war’s nicht.“ Also fuhr er einfach weiter. Die Autos bewegten sich im Schritttempo durch die Stadt. Menschen standen an den Straßen, auf Gehwegen, an Kreuzungen. „Der Marienplatz war trotz des Regens voll.“ Graf lacht, als er erzählt, wie Rudi Brunnenmeier aus dem offenen Wagen rief: „Fahrts doch zua!“ Er selbst trat einfach weiter in die Pedale.
60 Jahre später sitzt der inzwischen 77-Jährige beim Weißbier, blättert durch vergilbte Erinnerungsstücke und erzählt von einer Zeit, in der Fußball noch anders funktionierte. Direkter, Münchnerischer, ohne Show und Kommerz. „Trikots hat damals eigentlich keiner angehabt“, sagt er. „Die hat’s gar nicht zum Kaufen gegeben.“ Fahnen schon. Aber nicht in diesen Massen wie heute. Und überhaupt: „Fußball war damals gar nicht so dominant.“
Der junge Manni ging schon Ende der 50er mit seinem Vater ins Grünwalder Stadion. Der Vater eher Bayern-Anhänger, der Sohn schon früh Löwe. Warum eigentlich? „Ich kann’s gar nicht erklären“, sagt Graf. „Aber ich hab immer eher zu Sechzig gehalten.“ Vielleicht auch, weil er „immer den vermeintlich Schwächeren geholfen“ habe. Denn die Legende vom damals haushoch überlegenen TSV 1860 stimmt nur bedingt. „In der Oberliga waren die Bayern meistens vor Sechzig.“ Erst mit der Bundesliga wendete sich das Blatt. 1860 wurde 1963 süddeutscher Meister – und war Gründungsmitglied der neuen Liga. Die Bayern mussten draußen bleiben.
Dann kam der Aufstieg der Löwen. DFB-Pokalsieger 1964. Europapokalfinale in Wembley 1965. Meister 1966. „Es hat eigentlich jeder damit gerechnet“, sagt Graf heute. „Wenn man ins Europacup-Endspiel kommt, dann gehört man zu den besten Mannschaften.“ Er wiederholt es noch mal – wie ein Echo aus einer anderen Fußballwelt: „Die Löwen waren damals wirklich eine der besten Mannschaften Europas.“
Er sagt das nicht pathetisch. Sondern nüchtern, fast nachrichtlich. Dabei gerät er ins Schwärmen, sobald die Namen fallen. Brunnenmeier. Küppers. Heiß. Radenkovic. „Da saß ein Nationalspieler auf der Reservebank“, sagt Graf noch immer staunend. Sein Idol aber war Brunnenmeier. „Er war so ein Knipser“, sagt er.
Jahrzehnte später lernte er ihn sogar persönlich kennen – in der Dolly Bar in der Schillerstraße. Brunnenmeier arbeitete dort als Geschäftsführer. „Ich hab ihm erzählt, dass über meinem Bett ein Bild von ihm hängt“, erinnert sich Graf. Als ihm später am Abend das Geld ausging, habe Brunnenmeier gesagt: „Jetzt fahrst mit mir.“ Der Löwenstar chauffierte seinen Fan nach Hause.
Graf erzählt die Anekdote nicht, um sich wichtig zu machen. Sondern weil diese Nähe damals selbstverständlich war. Überhaupt wirken seine Erinnerungen wie kleine Filmszenen aus einem Pumuckl-München. Da ist der Wimpelverkäufer vor dem entscheidenden Meisterspiel gegen den HSV. Kleinformatige Fähnchen, darauf aufgedruckt: „Deutscher Meister 1966“. Noch vor dem Anpfiff. „Mit Garantie!“, habe der Verkäufer gerufen. Graf kaufte natürlich eine.
Dabei hätte alles noch schiefgehen können. Dortmund lauerte. Die Nervosität war greifbar. Im Grünwalder Stadion drängten sich mehr als 40.000 Zuschauer. Graf stand in der Ostkurve. Früher, erzählt er, habe man Kinder sogar auf die Aschenbahn vorgelassen, wenn es zu voll wurde.
Dann kam der Schlusspfiff. Und ein Bild, das er nie vergessen hat. „Der Perusic ist mit nacktem Oberkörper und einem Blumenstrauß ums Spielfeld gesprungen“, erzählt Graf. „Das sind Eindrücke, die vergisst man nicht.“ Torwart Petar Radenkovic – der legendäre Radi – lief mit der Meisterschale durchs Stadion. Bundeskanzler Ludwig Erhard saß auf der Tribüne, und ganz vorne auch Carolin Reiber.
Graf blieb nicht lange. „Ich bin heimgefahren, weil ich’s im Fernsehen besser sehen wollte.“ Auch das erzählt viel über die Zeit. Fußball war damals noch kein permanentes Mediengewitter. „Interviews von Spielern gab’s praktisch gar nicht“, erinnert sich Graf. In der Zeitung sei Fußball meist nur auf der letzten Seite gewesen.
Und trotzdem: München vibrierte. Nicht komplett blau, wie Graf betont. „Bayern hatte immer seine Leute.“ Aber an diesem Abend gehörte die Stadt den Löwen. Ohne Pyrotechnik. Ohne Ultra-Choreos. Ohne Social Media. Dafür mit offenen Autos, Regenjacken, kleinen Wimpeln – und einem Jugendlichen auf dem Fahrrad, der seinen Helden hinterherfuhr.
Heute verfolgt Graf die Löwen nur noch gelegentlich im Stadion. Selbst in der Bayernliga sei er noch gegangen, sagt er. Aber die ganz großen Gefühle? Die seien nie zurückgekehrt. Ob später noch einmal eine Zeit emotional an die 60er-Jahre herangekommen sei? Graf überlegt kurz. Dann sagt er nur: „Nein.“ULI KELLNER