Akt des Willens: Laurin Curda sorgte in der Verlängerung für den 2:1-Siegtreffer. © Ina Fassbender/AFP
Sinnbild für die Wolfsburger Krise: Kento Shiogai vergrub sein Gesicht nach dem Abstieg. © Fassbender/AFP
Partyzone Paderborn: Die Spieler des frischgebackenen Bundesligisten kündigten eine zünftige Fete an. © Fassbender/AFP
Von Hoffnung keine Spur: Trainer Dieter Hecking (mitte) und Christian Eriksen (r.) schauten in die Leere. © Pförtner/dpa
Paderborn – Selbst im Party-Trubel und begleitet von lauter Musik dachte Paderborns Sportchef schon an die Zukunft und die Planung für die Bundesliga. „Die Mannschaft wird zusammenbleiben. Wir werden uns punktuell verstärken“, sagte Sebastian Lange in den Stadion-Katakomben. „Jetzt wird sich auch nochmal ein anderer Markt für uns öffnen.“
Der 38-Jährige war mit seinem Verhalten nach dem 2:1-Sieg im Relegations-Rückspiel gegen den VfL Wolfsburg irgendwie typisch für den Aufsteiger: Die Paderborner ließen es krachen, feierten mit Bierduschen und tanzten ausgelassen. Die Paderborner hatten aber wie für das Sportliche auch für ihre Aufstiegsfeier einen Top-Plan. Sogar der Platzsturm der Fans lief halbwegs strukturiert und vom Stadionsprecher orchestriert ab. Auf einem fix aufgebauten Podest ließen sich die Spieler von ihren Fans feiern.
„Jetzt wird gefeiert – heute, morgen, wie es sich gehört“, sagte Lange. Der frühere Torwart kündigte rund um die große Party am und im Rathaus am Dienstag aber auch schon Vertragsgespräche mit Spielern an.
Sein Trainer ist in diese dann nach eigenen Angaben nicht involviert. „Auf keinen Fall, ich werde rübenrabenvoll sein“, erklärte Ralf Kettemann und lächelte. Der 39-Jährige trainierte bis zum vergangenen Sommer die Jugend des Karlsruher SC. Bei seiner Vorstellung als Nachfolger von Lukas Kwasniok kannten ihn nur absolute Branchenkenner. Nun ist er für den dritten Bundesliga-Aufstieg des SC Paderborn nach 2014 und 2019 verantwortlich.
Den Paderbornern ist es erneut gelungen, einen Coach zu holen, der den Club direkt bei seiner ersten großen Trainerstation in die Erstklassigkeit führt. Zuvor war das bei André Breitenreiter und Steffen Baumgart schon so gewesen. „Unsere Menschenkenntnis hat uns nicht verlassen“, stellte Präsident Thomas Sagel stolz fest. Ganz anders die Stimmung bei den gezähmten Wölfen, In der sportlich dunkelsten Stunde der Vereinsgeschichte herrschte bei Dieter Hecking „große Enttäuschung“, Diego Benaglio fühlte sich „einfach nur leer“. Trainer, Verantwortliche, Spieler und Fans – sie alle befanden sich in Schockstarre, als der schmerzhafte Absturz des VfL Wolfsburg in die Zweitklassigkeit besiegelt war. Nach 29 Jahren in der Fußball-Bundesliga muss der Klub aus der Autostadt erstmals den bitteren Gang ins Unterhaus antreten – und steht vor einem Scherbenhaufen.
„Es ist schwierig, die richtigen Worte zu finden“, sagte Aufsichtsratsmitglied Benaglio am Sky-Mikrofon. „Ich glaube, wir haben alles reingeworfen. Über 100 Minuten mit einem Mann weniger war es nicht einfach“, erklärte der ehemalige VfL-Keeper: „Aber wenn am Schluss ein Abstieg da ist, fühlt sich das brutal an.“
Mit hohen Ambitionen und Europacup-Träumen war Wolfsburg in die Saison gestartet, nur um am Ende umso tiefer zu fallen. Die Niederlage am Montagabend im Relegations-Rückspiel, das der VfL nach der frühen Gelb-Roten Karte für Joakim Maehle (14.) in Unterzahl hatte bestreiten müssen, war der Tiefpunkt einer verkorksten Saison.
Auch Trainer Hecking musste „das alles erst einmal sacken lassen“. Erst im März hatte der Routinier seine Rettungsmission angetreten. Zu diesem Zeitpunkt hatte der VfL bereits die Trainer Paul Simonis und Daniel Bauer verschlissen, zudem mussten Geschäftsführer Peter Christiansen und Sportdirektor Sebastian Schindzielorz, die den Kader zusammengestellt hatten, gehen.
Das Worst-Case-Szenario konnte aber auch Hecking nicht verhindern. „Wenn man absteigt, tut es weh“, sagte der 61-Jährige bei Sat.1. Doch ob er selbst, wie im vergangenen Jahr beim VfL Bochum, letztendlich den Gang nach unten auch antritt, war kurz nach Abpfiff noch offen. Der Kader, zusammengestellt für höhere Ziele, steht vor einem großen Umbruch.DPA/SID