Allein in der Stehhalle drängten sich damals 20.000 Zuschauer, die 60 anfeuerten. © imago
Radenkovic hielt das 1:1 gegen den HSV fest. © Heirler
Wieder vereint im Grünwalder: Bernd Patzke (von links), Fredi Heiß und Hansi Reich holten 1966 gemeinsam die bislang einzige Deutsche Meisterschaft für die Löwen. © Matzke/sampics
Topfit: Die Meisterlöwen Patzke, Heiß und Reich bei der großen 50-Jahr-Feier. © Matzke/sampics
München – Der Himmel weinte, der Löwe lachte: Exakt heute vor 60 Jahren feierte der TSV 1860 München den größten Erfolg seiner Vereinsgeschichte. Durch das 1:1 gegen den Hamburger SV sicherten sich die Sechzger die deutsche Meisterschaft – zum ersten und (bislang) letzten Mal. Fünf Helden von damals leben noch: Fredi Heiß (85), Hansi Reich (83), Petar Radenkovic (91), Bernd Patzke (83) und Ludwig Bründl (79). Anlässlich des Jubiläums hat unsere Zeitung Heiß, Patzke und Reich im Grünwalder Stadion getroffen und gemeinsam in Erinnerungen geschwelgt.
Grünwalder Stadion, der Ort des größten Erfolgs. Welcher Gedanke schießt durch den Kopf?
Heiß: Die Erinnerung kommt sofort hoch. In der Kabine bin ich heute das erste Mal seit Ewigkeiten, das ist auch mal wieder interessant. Selbst wenn ich mit dem Auto vorbeifahre am Stadion, muss ich an die schöne Zeit hier denken, vielleicht die schönste Zeit unseres Lebens.
Patzke: Mich fasziniert hier vor allem, dass früher allein auf die Stehhalle 20.000 Menschen gepasst haben. Heute dürfen insgesamt nur noch 15.000 Fans ins Stadion.
Heiß: Die sind früher alle ohne Mantel reingegangen, da haben mehr hineingepasst (Gelächter).
Reich: Generell war damals vieles anders als heute. Wir haben uns zum Beispiel am Trainingsgelände warmgelaufen, sind dann rübergefahren und direkt eingelaufen.
Herr Reich, Sie sind haben eine ganz spezielle Verbindung zum Grünwalder Stadion…
Reich: Ich bin nur wenige Meter vom Sechzger Stadion entfernt aufgewachsen. Als Kinder ohne Geld sind wir immer über den Zaun gestiegen, um 1860 in der Oberliga spielen zu sehen. In der Jugend waren wir dann stolz, im Vorspiel vor der ersten Mannschaft spielen zu dürfen.
Hier gelang heute vor 60 Jahren der größte Triumph der Vereinsgeschichte. Die Fotos zeugen von regem Treiben auf dem Platz nach dem Schlusspfiff…
Heiß: Viele Bilder gibt es nicht von damals. Wir haben nicht ein einziges Mannschaftsfoto, auf dem alle Spieler drauf sind – es war chaotisch. Das ganze Spielfeld war geflutet von den Fans. In unseren Bildern sieht man auch noch die Anspannung vom Spiel. Ich kann mich an diesen Tag erinnern, als wäre er gestern gewesen.
Reich: Wir wussten ja bis zum Schluss auch nicht, ob es klappt mit der Meisterschaft. Wenn wir gegen Hamburg noch verloren hätten und der BVB in Frankfurt gewonnen, hätten wir es vergeigt. Eine enorme Nervenbelastung.
Patzke: Der Umzug ins Rathaus war auch speziell (lacht). Es hat in Strömen geregnet – und wir saßen alle in Cabrios. Trotzdem haben uns wahnsinnig viele Menschen begleitet.
Ganz München war gefühlt auf den Beinen…
Heiß: Die Begeisterung war riesengroß. Wir haben den Fußball in München wieder salonfähig gemacht. Schon vor der Meisterschaft waren wir erfolgreich mit dem Pokalsieg und dem Finale im Europacup. Das hat die Leute fasziniert.
Patzke: Man darf nicht vergessen, dass wir zu diesem Zeitpunkt sieben Nationalspieler im Team hatten, das war schon eine super Mannschaft.
Wie sehr schmerzt es, dass der Wechsel von Franz Beckenbauer damals nur an einer Watschn eines Löwenspielers gescheitert ist?
Heiß: Wäre die Watschn damals nicht fällig gewesen, wäre der Franz auch noch bei uns gewesen. Ich denke, uns hätte in Europa kaum jemand geschlagen. Für den Franz war die Watschn im Nachhinein wahrscheinlich nicht schlecht, eher für uns (lacht).
Wie hat die Meisterschaft den Verein 1860 verändert?
Heiß: Einen finanziellen Untergrund hat die Meisterschaft jedenfalls nicht gebracht. Wir haben unsere Meisterprämie erst ein Jahr später erhalten. Das waren damals 3.000 Mark, nicht vergleichbar mit den heutigen Summen.
Reich: Aber die waren steuerfrei, da hat keiner nachgefragt (Gelächter).
Wie hat sich der Mythos 1860 trotz vieler Misserfolge bis heute gehalten?
Patzke: Die Giesinger gingen halt schon immer zu Sechzig, das ist bis heute so. Da wird das vom Vater zum Sohn weitervererbt.
Welche Fehler wurden in den Jahren nach dem großen Triumph begangen?
Reich: Irgendwann wurde viel auf externe Leute gesetzt. Ich habe seit meinem elften Lebensjahr bei 1860 gespielt und der Club hatte keine Verwendung mehr für mich. Was ist passiert? Ein Jahr später ist Sechzig abgestiegen – ich bin mit Offenbach aufgestiegen und Pokalsieger geworden. Oder Hansi Rebele, der ist mit 27 Jahren zum MTV München gegangen in den Amateurfußball. Ein deutscher Nationalspieler, das muss man sich mal vorstellen.
Heiß: Meine letzten zwei Jahre Vertrag wurden von Turnern ausgehandelt damals, da waren kaum mehr Fußballer im Verein.
Reich: Er war dann in der Turnabteilung (Reich imitiert einen Klimmzug, Gelächter im Raum).
Wie oft werden Sie heutzutage noch auf den Titel 1966 angesprochen?
Heiß: Wenn man an den Stammtischen in München rumkommt – und ich komme da öfters rum –, wird man schon noch erkannt. Ich glaube schon, dass das daran liegt, dass wir die ersten waren, die solche Erfolge in München feiern durften. Wenn man nur einmal deutscher Meister wird, merkt man sich die Namen der Spieler natürlich auch einfacher. Bei den Bayern kannst da vermutlich 500 Spieler aufzählen (lacht).
Reich: Die Art und Weise unseres Spiels war natürlich auch etwas Besonderes. Wir hatten gleich mehrere Kantersiege dabei. Trainer Max Merkel hat auch bei einer 2:0-Führung gefordert, dass wir weiter nach vorne spielen. Die Zuschauer waren bis zum Schluss hellauf begeistert. Heute hat der Rechtsaußen zwanzig Meter vor dem Tor den Ball und spielt ihn zum Torhüter zurück.
Heiß: Ja, ich kann mich erinnern, Dortmund hat mal fünf Tore gekriegt, Schalke sechs und der HSV sogar neun.
Wie sehr schmerzt der Ist-Zustand – acht Jahre Dritte Liga?
Patzke: 1860 fehlt einfach eine Mannschaft. Wir reden hier seit 15 Jahren nur übers Stadion, wechseln aber jede Saison munter unsere Mannschaft aus. Leider sind kaum große Spieler dabei, die auch in der Zweiten Liga spielen könnten – außer vielleicht Kevin Volland. Da braucht man sich nichts vormachen.
1860 scheint das Chaos magisch anzuziehen. Gab es Momente, in denen Sie gezweifelt haben, dass es hier überhaupt weitergeht?
Heiß: Natürlich, wir sind schließlich oft am Abgrund gestanden. Selbst zu unserer Zeit war´s teilweise chaotisch. Da wurden Spieler teilweise von anderen Firmen bezahlt, weil wir auf Investoren angewiesen waren. Es hat so oft Leute gegeben, die diesen Verein aufgefangen haben. Ich freue mich nicht darüber, dass wir einen Investor brauchen. Es wäre schon, wenn es anders wäre.
Patzke: Wir hatten auch einige Präsidenten, die vor der Wahl beteuert haben, sie wären ihr Leben lang Sechzger. Als sie dann weg waren, hat man sie nie wieder gesehen.
Reich: Die wären bei Bayern nicht einmal Platzwart geworden (lacht).
Heiß: Ich saß ja auch ein paar Mal in verschiedenen Gremien. Da ging es in den Aufsichtsratssitzungen teilweise um alles, nur nicht um Fußball. Weil niemand dabei war, der Ahnung davon hatte. Wir hatten zu unserer aktiven Zeit einen Präsidenten, Adalbert Wetzel, für den wir durchs Feuer gegangen wären. So etwas würde der Mannschaft heute auch guttun.
Patzke: Wir haben seit Jahren keine Fußball-Fachleute an der Spitze. Die aktuelle Führung ist zwar gerne dabei, es braucht allerdings auch fachliche Kompetenz, die fehlt leider. Solange das nicht passiert, wird das nichts mehr werden.
Hand aufs Herz – wie kommen die Löwen wieder hoch?
Heiß: Es muss mal eine Mannschaft zusammengestellt werden, die spielerisch zusammenpasst. Zu oft werden bei 1860 einfach nur Spieler geholt, weil sie billig sind und keine Ablöse kosten. Aber da wären wir wieder bei der Frage des Investors, wie so oft bei den Löwen.
INTERVIEW: ULI KELLNER, MARCO BLANCO UCLES