Sucht die Herausforderung: Roland Suckale. © M. Hangen
Jana Prybilova ist mit 79 Jahren die älteste Teilnehmerin. © Martin Hangen
Eine lebende Legende ist die Garmischerin Annette Konstanzer: Die Ärztin fing erst mit 52 Jahren mit dem Eiskunstlaufen an. © Martin Hangen
Oberstdorf – Roland Suckale gleitet gravitätisch über die Eisfläche der Halle 2 im Eissportzentrum Oberstdorf. Der 74-Jährige Ex-Manager ist ein Hüne von 1,90 Metern mit kräftiger Statur, liegt in den Kurven wie ein Flaggschiff und sieht dabei höchst elegant aus. „Ich mache viele Sportarten“, sagt er, „aber Eiskunstlaufen ist die wichtigste. Man muss auch in fortgeschrittenem Alter die Herausforderung suchen. Der Sport fördert Multitasking im Kopf und stärkt den Gleichgewichtssinn. Aber ganz unvergleichlich ist das Gefühl, übers Eis zu schweben.“
660 sind dabei
Suckale ist einer von 660 Hobby-Eiskunstläufern, die an der ISU Adult Competition teilnehmen. Dieser weltgrößte Eiskunstlauf-Wettbewerb für Erwachsene fand in der Woche vor den Pfingstferien zum 20. Mal statt – und wird immer beliebter. Wie die Bienen zum Korb schwärmen die Eisprinzen und Eisprinzessinnen zwischen 28 und 79 Jahren alljährlich aus den USA, Kanada, Japan, Polen, Tschechien, Frankreich und 30 weiteren Nationen ins Allgäu. Viele trainieren schon eine Woche vor dem Wettkampf in Oberstdorf, um sich zu fühlen wie Ilia Malinin und Alysa Liu. Die Weltmeisterschaft der Hobby-Eiskunstläufer, wie manche es nennen, ist schließlich nicht nur ein „So tun als ob“, es geht um echtes Können. In fünf Leistungs- und Altersklassen werden unter anderem Doppelsprünge und schwierige Pirouetten-Kombis gezeigt.
Eine lebende Legende ist in der Hinsicht die Garmischerin Annette Konstanzer: Die 70-Jährige Ärztin fing erst mit 52 mit dem Eiskunstlaufen an, lernte mit 66 noch den schwierigsten Sprung von allen, den Axel. „Ich habe nach einem familiären Schicksalsschlag einen Sport gesucht, der Kraft und Koordination fördert“, erzählt sie. „Erste Sprünge habe ich nach einem Jahr angefangen. Der Körper macht das schon. Es ist alles mental.“ Eiskunstlauf gebe dem Körper seelische Stabilität in jeder Lage, meint sie.
Normalerweise sind die Startplätze für die ISU Adult Competition innerhalb einer Stunde nach der Online-Ausschreibung vergeben. „Im Jubiläumsjahr haben wir diesmal besonders viele Teilnehmer zugelassen. Unter anderem machen diesmal auch neun Synchron-Eislauf-Teams mit, so viele wie nie zuvor“, sagt eine Mitarbeiterin der Deutschen Eislaufunion. Der Start in einer Kategorie kostet 120 Euro, in einer zweiten 80 Euro. Nicht ganz billig, wenn man noch die Unterkunftskosten in Oberstdorf hinzurechnet. Die DEU stemmt das Event seit Jahren zusammen mit den Sportstätten Oberstdorf und freiwilligen Helfern. Diesmal sprengt die Organisation allerdings fast den Rahmen dessen, was für die Eisplaner noch zu bewältigen ist. „Wir kehren deshalb im nächsten Jahr vermutlich zu einer kleineren Teilnehmerzahl zurück.“
Die Jubiläumsausgabe der Veranstaltung – sie fand erstmals 2006 statt – eröffnet dieses Jahr Eiskunstläufer Norbert Schramm als Schirmherr. Hier wird unter anderem die 79 Jahre alte Tschechin Jana Přybilová geehrt. Sie ist die älteste Teilnehmerin und sagt: „Ich habe als Kind neben der Eisbahn gewohnt. Für mich ist es normal, aufs Eis zu gehen, auch wenn ich als Familienmutter 55 Jahre pausiert habe.“ Als Přybilovás Tochter, eine Leistungsläuferin, nach Beendigung ihrer Laufbahn zur ISU Adult fuhr, sagte sie: „Mama, hier machst du nächstes Jahr mit!“ So kam die Mutter schließlich zurück aufs Eis.
ISABEL WINKLBAUER