München – Warum hat Lothar Matthäus damals, im Finale von 1990, den Strafstoß nicht geschossen, sondern das Andy Brehme überlassen? Bammel wegen eines traumatischen Elfer-Erlebnisses als junger Gladbacher Spieler – wie gemeinhin vermutet wurde? Das auch. Hauptsächlich und offiziell begründete Matthäus seinen Verzicht damit, dass er zur Halbzeit andere Schuhe habe anziehen müssen, weil bei den alten die Sohle kaputtgegangen war – und die neuen Treter waren natürlich nicht so eingelaufen, dass er sich in ihnen wohlgefühlt hätte. Die Geschichte hat aber noch eine weitere Ebene: Die Schuhe, in denen Lothar Matthäus das Endspiel der Weltmeisterschaft begonnen hatte, waren schon mal von einem anderen getragen worden: von Diego Maradona – der am 8. Juli 1990 auf der anderen Seite spielte, bei den Argentiniern.
1988 waren Matthäus und Maradona zum Abschiedsspiel von Michel Platini eingeladen gewesen. Maradona hatte seine Fußballschuhe vergessen, Matthäus lieh ihm ein Paar, nach dem Kick gab Maradona es ihm zurück. Matthäus nutzte es weiter für Länderspiele, die spezielle Schnürung seines argentinischen Freundes veränderte er nicht mehr… Diese schöne Geschichte erzählt nun Carsten Fuß in seinem Buch „Calcio d‘Oro“ über die große Zeit des italienischen Fußballs. Fuß hat sie miterlebt – als junger Deutsch-Dozent in Neapel. Das war zur Zeit, als Diego Maradona die Stadt verzauberte. Später wurde aus Carsten Fuß ein bekannter TV-Journalist. Bei Tele 5, dem DSF; heute kommentiert er für DAZN die Serie A.
Die 80er, die 90er – das war die Zeit, als die größten Stars in Italien spielten. Auch die deutschen: Karl-Heinz Rummenigge, Matthäus, Jürgen Klinsmann, Brehme, Rudi Völler (schrieb auch das Vorwort zu „Calcio d‘Oro“), Thomas Häßler, Jürgen Kohler, Kalle Riedle. Oder sie wurden in Italien zur Größe – wie Oliver Bierhoff, den deutsche Clubs nicht beachtet hatten. Carsten Fuß hat vieles miterlebt, einiges auch neu erfahren, seine Interviews mit den Protagonisten kann man über einen QR-Code im Buch auch ansehen.
Was bleibt: Kuriose Autogeschichten (nahezu jedem wurde der Wagen mal aufgebrochen oder gestohlen) – aber vor allem der Eindruck, wie der Fußball sich einfügt in die Kultur eines Landes. Man isst gut (auch als Leistungssportler), man kleidet sich stilvoll (Rummenigge lernte den Strumpf statt der Tennissocke kennen), man mosert nicht über die Unpünktlichkeit von Handwerkern (ein Fehler, den Klinsmann beging und dafür von seinen Mannschaftskameraden eingenordet wurde), man befasst sich mit der Sprache (Rummenigge lernte die Antworten für sein erstes italienisches TV-Interview vorab auswendig).
Carsten Fuß vermittelt, wie Italien den Fußball liebt und lebt. Das Erscheinen von Büchern wird langfristig getimt, „Calcio d‘Oro“ ist kurz vor der WM erschienen – die das einstige Blüteland mal wieder verpasst hat. In jeder Hinsicht ein Jammer.GÜNTER KLEIN