Die Reise in die USA stand erst auf der Kippe. © Insta
Schau mal, von ganz da oben springt Mama runter.
Besonderer Moment: Der erste Sieg im Weltcup mit Tochter Leilani auf dem Arm. © Insta
„Im freien Fall, im absoluten Chaos, muss man die Ordnung finden“, sagt Iris Schmidbauer. © Red Bull Content Pool
Alleine mit der Tochter um die Welt reisen und kunstvoll in die Tiefe springen. Das ist das Leben von Klippenspringerin Iris Schmidbauer aus Pähl. In Fort Lauderdale gewann die 31-Jährige nun ihren ersten Weltcup. Im Interview spricht Schmidbauer über eine ganz besondere Reise.
Frau Schmidbauer, Glückwunsch zum ersten Weltcup-Sieg! Haben Kopf und Körper das schon verarbeitet?
Die ersten Tage nach dem Weltcup habe ich überhaupt nicht gut geschlafen. Mein Nervensystem war noch komplett hochgefahren (lacht). Ich glaube, wenn ich wieder zuhause bin, werde ich das alles erst so richtig realisieren.
Sie hatten vorher acht Monate lang kein 20-Meter-Training. Hat Sie der Sprung zu Gold überrascht?
Ich wusste immer, dass ich das Potenzial dafür habe. Ich wusste aber auch, dass es eigentlich unrealistisch ist. Es war der erste Wettkampf der Saison. Die anderen Athletinnen haben in der wettkampffreien Zeit immer wieder von 20 Metern trainiert, viele auch in Fort Lauderdale. Ich bin allein angereist. Ohne Trainer, ohne Physiotherapeut, ohne Begleitperson für Leilani. Ich bin volles Risiko gegangen.
Es stand lange nicht fest, ob Sie überhaupt zu dem Weltcup fliegen.
Zunächst war nicht klar, wie es finanziell zu stemmen ist. Einen Teil der Summe für die Reise habe ich von der Sparkasse und Team Dresden erhalten. Es waren aber weiterhin eigenes Risiko, eine Kreditkarte und der Glaube an mich selbst notwendig. Der Glaube, dass ich gut genug springe, Preisgeld gewinne und die Kreditkarte abbezahlen kann (lacht).
Sie reisen mit Ihrer Tochter um die Welt zu Wettkämpfen. Leistungssport, Muttersein, Sponsorenakquise – wie schaffen Sie das alles?
Das weiß ich auch nicht so genau (lacht). Einfach machen. Losgehen, mit dem Vertrauen, dass sich alles fügen wird. Ich würde mir natürlich bessere Strukturen und mehr Unterstützung wünschen. Ich habe jetzt gezeigt, was ich schaffen kann, obwohl ich weitestgehend allein bin. Wie sähe das aus, wenn ein ganzes Team hinter mir steht? Da es keine olympische Sportart ist, sind dem Verband oft die Hände gebunden. Jetzt für den Weltcup gab es leider keine Unterstützung. Ich bekomme keine Förderung von der Deutschen Sporthilfe, habe keinen Bundeswehrstützpunkt. Ich muss mir also zum größten Teil alles selbst finanzieren. Aber die Stadt Dresden macht sehr viel für ihre Sportler und supportet, das hilft!
Inwiefern hat die Schwangerschaft Auswirkungen auf Sie als Athletin gehabt?
Für mich gab es nie einen Stopp. Ich war immer weiter Athletin. Ich war bis zum fünften, sechsten Monat noch im Wasser, ab dem siebten Monat habe ich nur noch Krafttraining gemacht. Drei Wochen nach der Geburt war ich wieder im Training, vier Wochen nach der Geburt wieder im Wasser. Das war schon wahnsinnig anstrengend. Anfangs konnte ich nach jedem Sprung schauen, ob Leilani die Rassel noch in der Hand hat, irgendwann brauchte sie dann mehr Entertainment (lacht). Ich bin viermal in der Nacht aufgewacht und habe gestillt. Deshalb hatte ich letztes Jahr auch noch keine Power und bin eher auf die einfacheren Sprünge gegangen. Jetzt habe ich die schwere Liste wieder ausgepackt und die Schrauben eingebaut.
Wie fühlt sich das an, wenn ein Sprung mit solch einer Schwierigkeit, funktioniert?
Man ist einem Flow-Zustand. Im freien Fall, im absoluten Chaos, muss man die Ordnung finden. Mit absoluter Präzision. Man ist super angespannt, fokussiert. Wenn du zu sehr drüber nachdenkst, funktioniert es nicht. Wenn du aber einfach denkst ´Mein Körper weiß schon, was er tut` und losspringst, funktioniert es auch nicht. Es ist die Balance zwischen dem Bewegungsautomatismus und Achtsamkeit.
Haben Sie noch Angst vor Sprüngen?
Angst spielt immer eine Rolle. Wenn ich dort oben stehe, habe ich schon auch Angst. Man weiß, dass man es kann und alles trainiert hat. Trotzdem bleibt es etwas Unnatürliches, dort runterzuspringen, mit Saltos und Schrauben. Diese Erlösung, wenn man aus dem Wasser auftaucht und weiß, dass man es geschafft hat, ist ein absoluter Glücksmoment. Du schaust nach oben, siehst wie weit entfernt die Plattform ist. Man fühlt sich wie ein Superheld, der etwas Übermenschliches abgeliefert hat. Dann will man sofort wieder hoch (lacht).
Ein absoluter Glücksmoment war sicherlich auch die Siegerehrung mit Ihrer Tochter auf dem Arm.
Die harte Arbeit, die Tränen der letzten Jahre. Das alles war es wert. Ich konnte endlich zeigen, was in mir steckt. Es war unfassbar schön, diesen Moment auf dem Podium mit Leilani genießen zu können.
INTERVIEW: NICO-M. SCHMITZ