Am Tor zum Paradies

von Redaktion

Die New York Knicks stehen im NBA-Finale – und eine ganze Stadt träumt vom ersten Titel seit 53 Jahren

Hollywood-Star Timothee Chalamet im Madison Square Garden. © Stier/AFP

Überflieger und Hoffnungsträger: Point Guard Jalen Brunson. © Shamus/AFP

Die lange so bemitleidenswerten Fans der Knicks feierten auf den Straßen New Yorks euphorisch den ersten Final-Einzug seit 1999. © Delgado/AFP

Der große Mann unter dem Korb: Karl-Anthony Towns ist aber auch von der Dreier-Linie gefährlich. © Maxwell/EPA

München/New York – Die Sehnsüchte einer ganzen Stadt goss Komiker Michael Rapaport schon vor zwölf Jahren in einen Streifen, der den herrlichen Namen „Als der Garten noch Eden war“ trägt. Mit dem Garten ist in dem Fall der Madison Square Garden gemeint, die selbst ernannte berühmteste Sportarena der Welt. Nun datiert der größte Erfolg seiner Bewohner wirklich aus biblischen Zeiten. 1973 gewannen die New York Knickerbockers – das Basketballteam dieser Stadt – ihre bislang letzte Meisterschaft. Davon erzählt Rapaports Film, der irgendwie auch ein Gleichnis ist. Dieses Meisterteam spiegelte seine Stadt, es war divers, frech, knallhart und vor allem unzertrennlich. Die Knicks waren New York – und New York war die Knicks. Diese grenzenlose Liebe ist bis jetzt nicht verwelkt.

Es führt eine ziemlich direkte Blutlinie vom Damals ins Heute. Der Chef von einst, Clyde Frazier, bekannt für glitzernde Anzüge und flotte Sprüche, sitzt heute noch jeden Abend im Garden und kommentiert die Spiele der Knicks fürs lokale Fernsehen. Und am Anfang dieser Woche drückte er Jalen Brunson einen ersten Pokal in die Hand. Die New York Knicks ziehen als Gewinner des Ostens in die Finalspiele der NBA ein. Erstmalig in diesem Jahrtausend. Ein Grafiker verpasste der Freiheitsstatue sein Gesicht, ersetzte die Fackel durch den Goldpokal. In der deutschen Nacht auf Donnerstag (2.30 Uhr) startet dann die in New York so heiß herbeigesehnte Finalserie gegen die San Antonio Spurs.

Die Stadt, die niemals schläft, träumt jetzt – und Brunson ist der Verwalter ihrer Fantasien. Das renommierte Magazin „The New Yorker“ hat ihn doch tatsächlich auf seine Titelseite zeichnen lassen. Das kommt alle heiligen Zeiten einmal vor. Brunson thront über den Knicks-Legenden der vergangenen Jahrzehnte, über Clyde Frazier, dem Regenten der Meisterjahre, über Patrick Ewing, dem Monstre sacré der 1990er, als die Knicks zuletzt im Finale waren. „Könige von New York“ ist das Titelbild überschrieben, sie verehren ihn wie einen Messias. Denn wahr ist auch: Vor 53 Jahren begannen die Leiden der Knicks. Niemand kann sagen, wer denn den Apfel gebissen hat, dass der Basketballgott sie für ein halbes Jahrhundert aus dem Paradies verbannte.

Jalen Brunson muss der Messias sein. Aufgewachsen in einer Kleinstadt in Jersey, ein paar Kilometer südlich von Manhattan, als Sohn des ehemaligen Knicks-Spielers Rick Brunson, Bankwärmer beim bisher letzten Finaleinzug 1999 und heute Co-Trainer. Das besondere an ihm ist, dass er auch auf einem dieser unzähligen Basketballfelder der Stadt nicht auffallen würde. Mit 1,88 Metern wird er gelistet, wobei das generös gemessen ist. Hochhaus-hoch sind dafür sein Herz, seine Hartnäckigkeit und seine Eleganz. Uni-Basketball spielte er ein paar Kilometer nördlich in Villanova, nahe Philadelphia. Eine Schule, die für ihre Liebe zu Disziplin, Selbstlosigkeit und Härte gewählt wird. Eine Attitüde, mit der man Meisterschaften gewinnt. Es war kein Zufall, dass Manager Leon Rose – Brunsons Taufpate – gezielt nach Absolventen dieser Uni suchte und neben Brunson auch Josh Hart und Mikael Bridges auftat.

Nach zweieinhalb Jahrzehnten, in denen die Knicks in erster Linie Zielscheibe des Spotts waren, weil ihr exzentrischer Besitzer James Dolan mit unfassbarer Zuverlässigkeit die falschen Spieler, Trainer und Manager holte, haben sie tatsächlich wieder ein Team, das Meister werden kann. Die Mannschaft von heute erinnert – manchmal gar erschreckend viel – an die Legenden von 1973. Ein Zauberzwerg als Anführer, ein beschlagener Riese (heute: Karl-Anthony Towns) in der Mitte und ganz viele stolze Zuarbeiter außen herum, deren höchste Maxime Kameradschaft ist. Wenn doch wirklich ein Basketballgott existiert, dann muss er die New York Knickerbockers von 2026 in den Garten Eden einlassen. So erzählen sie es sich zumindest dieser Tage im Big Apple.ANDREAS MAYR

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