Auf einer Wellenlänge: US-Präsident Donald Trump (links) und FIFA-Boss Gianni Infantino. © IMAGO
Thomas Hitzlsperger hat schon einen Vorgeschmack auf die größte WM aller Zeiten bekommen, die bald für fünf Wochen (11. Juni bis 19. Juli) quer über den nordamerikanischen Kontinent führt. Gemeinsam mit Esther Sedlaczek hat sich der 44-Jährige als ARD-Experte auf eine lange Reportage-Reise („WM-Wahnsinn und Titel-Träume: Deutschland bei der Mega-WM“/Ab dem 5. Juni in der ARD-Mediathek) begeben. Es wird kein Turnier für Fußballromantiker. Oder doch?
Was haben wir von diesem Turnier und ihren Gastgebern zu erwarten?
Für den Film war ich in Kanada und den USA. Die USA kenne ich sehr lange, weil ich seit 15 Jahren dahinreise und viel Zeit dort verbracht habe. Man registriert natürlich, wie sich das Land verändert. Deutschland hat sich in dieser Zeitspanne ebenfalls verändert. Aber das, was in den USA aktuell los ist, ist außergewöhnlich.
Was meinen Sie konkret?
Man merkt gerade, wie angespannt das Klima, wie aggressiv die Grundstimmung ist. Allein bei dem aufwendigen Visa-Prozess spürt doch jeder: Der Umgangston ist wenig herzlich. Alles, was ich im Kontext des Films in den USA kennengelernt habe, war dann wieder anders: Junge Athleten genießen die Sportnation Amerika. Ich habe auch den Zehnkämpfer Leo Neugebauer besucht, der für den Sport und zum Studieren nach Texas gegangen ist.
Was sagt er?
Ein solcher Star hat nur Gutes zu berichten. Ein positiver Typ, der den amerikanischen Sport-Spirit verkörpert. Es sind zwei Seiten der Medaille: der Ehrgeiz, etwas Besonderes schaffen zu wollen. Andererseits fallen diejenigen, die es nicht schaffen, ins Bodenlose. Und mit denen wird nicht gut umgegangen. Wir haben in Europa mehr Bewusstsein für Gemeinschaft und Menschen, denen es schlechter geht. In der amerikanischen Kultur wird sehr ich-bezogen gelebt. Niemand verkörpert das deutlicher als der amtierende Präsident.
Donald Trump also als schlechtes Vorbild?
Wir haben uns bei der Doku auf das Sportliche fokussiert, aber dennoch kann ich sagen, dass sich die Spaltung durchs Land zieht. Ich habe genug Leute gesehen, die ihre Gier ausleben, und sich wenig um den Rest scheren.
Was erwarten Sie generell von dieser Mammut-WM mit 48 Teams?
Ich habe Respekt vor der logistischen Herausforderung – und klimatisch wird es für die Spieler extrem. Ich war im vergangenen Jahr in Austin/Texas: Es ist so heiß und schwül, da will man eigentlich gar nicht vor die Tür gehen. Und erst recht kein Sport treiben.
Was wird die WM für den Fußball bringen?
Diese WM wird den Fußball nicht gleich an die Spitze der Aufmerksamkeit befördern. American Football ist und bleibt unumstritten die Nummer eins. Fußball ist zwischen Baseball und Eishockey. Die Major League Soccer wächst, auch durch Lionel Messi. Marco Reus hat schon einen Titel geholt, Timo Werner hat sich gut eingelebt, über Thomas Müller müssen wir nicht reden. Der belebt jeden Ort.
Deutschland startet gegen Curaçao ins Turnier. Sie haben die Karibik-Insel aufgesucht.
Ja, das war ein tolles Erlebnis! Ich traf den Präsidenten des Fußball-Verbandes (Gilbert Martina, Anm. d. Red.). Ein sehr spiritueller Mensch, seine innere Ruhe hat mich wirklich beeindruckt. Seine Nationalspieler kommen fast ausschließlich aus den Niederlanden. Durch die WM-Qualifikation erhält der Verband viel Geld für eine Insel mit nur 150.000 Einwohnern. Es soll eingesetzt werden, um die Infrastruktur zu verbessern und Fußball in der Breite besser zu machen.
Curacao mag die schöne Seite sein, der skrupellose FIFA-Boss Gianni Infantino verkörpert für Kritiker die hässliche Fratze. Nicht aus allen Teilnehmerländern können beispielsweise Fans einreisen, weil sie kein Visum bekommen, aber die Fifa duldet den Umstand.
Vieles ist mühsam und teilweise schwer zu akzeptieren, wohin sich das Fußballgeschäft entwickelt hat. Infantino hat es geschafft, die FIFA und das System noch größer zu machen. Er kann schalten und walten, wie er will. Dazu ist er immun gegen Kritik. Er erzählt einfach eine positive Geschichte – und am Ende schauen wir zu und gehen hin. Wir hätten die Möglichkeit, nicht hinzugehen, doch mir fällt es nach wie vor schwer, auf Fußball zu verzichten. Infantino spielt das geschickt. Keiner kann ihn aufhalten, weil er genügend Verbände beglücken kann, die ihm die Wiederwahl sichern.
INTERVIEW: FRANK HELLMANN