Die WM als Balanceakt

von Redaktion

Die WM steht wieder an. Ich merke das nicht an mir, sondern an den anderen. Plötzlich wird anders gesprochen. In Halbsätzen. In Aufstellungen. In Wir-Formen, die nichts mit Familie zu tun haben. Männer werden nachdenklich, Gruppen-Chats aktiver, Termine vorsichtig formuliert. Mal schauen, wie die Spiele liegen. Ich warte auf die WM wie auf ein Großereignis, das mein Leben beeinflussen wird, ohne dass ich offiziell beteiligt bin.

Als Frau hat man in dieser Phase eine besondere Rolle: Man weiß genug, um ernst genommen zu werden, aber nicht genug, um ständig gefragt zu werden. Praktisch und ehrlich gesagt ziemlich bequem. Ich kenne die Regeln. Ich weiß, was Abseits ist. Ich weiß, warum man sich über bestimmte Schiedsrichter aufregt. Ich weiß auch, dass wir früher hätten wechseln müssen. Ein Satz, der bei jedem Spiel stimmt und immer Zustimmung erntet. Was ich nicht weiß: Wie sehr mich das alles diesmal betreffen wird.

Ich habe mir vorgenommen, die WM gelassen zu sehen. Offen. Interessiert. Nicht ironisch. Ich möchte nicht wieder die Frau sein, die während eines Spiels fragt, ob das jetzt wichtig war, und dann alle Blicke auf sich zieht, als hätte sie gerade den Strom abgeschaltet.

Wohnzimmer verwandeln sich in Fan-Zonen. Emotionen schwanken zwischen nationalem Stolz und tiefer persönlicher Kränkung über Menschen, die man privat nie treffen wird. Ich werde auf der Couch sitzen. Meistens. Mit einem Glas in der Hand und dem ehrlichen Wunsch, mich mitzufreuen.

Das Frau-Sein während einer WM ist ein Balanceakt. Man will dabei sein, aber nicht performen. Man will Emotion zeigen, aber bitte nicht übertreiben. Zu wenig Interesse wirkt kühl, zu viel verdächtig.

Ich warte auf die WM. Nicht als Expertin. Nicht als Fanatikerin. Sondern als Frau, die weiß: Es wird emotional. Und ich werde überraschend involviert sein. Ob ich will oder nicht.

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