Schießt Kane Elfmeter bald mit schwereren Schuhen? © Pförtner/DPA
Das perfekte Tor: Brasiliens Roberto Carlos im Jahr 1997. © Hneri/Imago
Wieder ein frühes DFB-Aus? Dieses Mal nicht! © Straubmeier/Imago
Physik kann auch spaßig sein. Zumindest, wenn man mit Metin Tolan spricht, Professor für Experimentelle Physik an der Technischen Universität Dortmund. Im Interview mit unserer Zeitung erklärt der 61-Jährige Fußball aus wissenschaftlicher Sicht – und warum Deutschland definitiv Weltmeister wird.
Herr Tolan, die WM steht vor der Tür. Also fragen wir direkt: Wer wird Weltmeister?
Deutschland natürlich. (lacht) Sie müssen wissen: Bei meinen Prognosen steht das Ergebnis immer fest: Deutschland wird Weltmeister. Alles andere interessiert mich eigentlich nicht. Danach muss ich mir nur noch überlegen, warum.
Das klingt nach einer guten Basis.
(lacht) Es gibt verschiedene Ansätze. Wenn man es etwas seriöser machen möchte, kann man zum Beispiel mit der Poisson-Verteilung argumentieren. Tore sind im Fußball seltene Ereignisse. Damit kann man Wahrscheinlichkeiten für bestimmte Spielergebnisse ausrechnen. Bei der WM 2014 habe ich das gemacht. Wenn man angenommen hat, dass alle Mannschaften so weiterspielen wie in der Qualifikation, kam tatsächlich heraus: Die höchste Wahrscheinlichkeit, den Titel zu gewinnen, hatte Deutschland. Das war also ein absoluter Favoritensieg.
Und diesmal?
Diesmal hätte Deutschland mit dieser Methode nicht so gut abgeschnitten. Die Qualifikation war einfach nicht so überragend. Also musste ich mir etwas anderes überlegen. Und da ist mir die Plus-Zwölf-Regel aufgefallen. 1954 wird Deutschland Weltmeister, zwölf Jahre später – 1966 – steht Deutschland im Finale. 1974 Weltmeister, zwölf Jahre später – 1986 – Finale. 1990 Weltmeister, zwölf Jahre später – 2002 – Finale. Und 2014 plus zwölf Jahre ergibt 2026. Also steht Deutschland schon mal im Finale.
Nur hat Deutschland diese drei Finals danach alle verloren.
Genau. Also müssen wir uns noch überlegen: Gegen wen spielen wir eigentlich? Da kann man tatsächlich durch statistische Analysen zeigen, dass der Faktor Geld ziemlich stark mit Erfolg korreliert. Das wissen wir eigentlich alle, aber man kann es auch nachweisen. Der Marktwert einer Mannschaft hängt sehr stark mit dem Erfolg zusammen. Also spielt Deutschland im Finale gegen die Nationalmannschaft mit dem höchsten Marktwert. Und das ist England.
Sie haben Bücher über James Bond und Star Trek geschrieben, jetzt erklären Sie Fußball mit Physik. Warum Fußball?
Weil ich Fußballfan bin. Und weil man das wunderbar zusammenbringen kann. Wenn der Ball durch die Luft fliegt, ist das eine komplizierte Sache – die man aber mit den Methoden der Physik sehr gut beschreiben kann. Am Anfang kann man sich überlegen: Was passiert ohne Luftwiderstand? Dann hat man diese typische Wurfparabel. Wenn der Ball aber schneller wird, spielt der Luftwiderstand plötzlich eine große Rolle. Und wenn sich der Ball noch dreht, wird er abgelenkt. Dann können Sie die Bananenflanke erklären.
Wenn Sie Bundestrainer wären: Wie würde Ihre Mannschaft spielen?
Ich würde auf Ballbesitz und kurze Pässe setzen. Der Grund ist einfach: Je größer die Distanz ist, über die Sie einen Ball spielen, desto stärker wirkt sich ein kleiner Fehler aus. Wenn Sie den Ball nur minimal anders treffen, bekommen Sie über eine lange Strecke eine große Streuung.
Bei einer WM kommt irgendwann fast immer ein Elfmeterschießen. Was sagt der Physiker?
Da würde ich versuchen, an kleinen Schrauben zu drehen. Zum Beispiel bei den Schuhen. Die Physik sagt mir: Ein schwererer Fuß schießt den Ball schneller. Natürlich können Sie mit schweren Schuhen kein ganzes Spiel laufen. Aber beim Elfmeterschießen spielt Kondition keine Rolle.
Gibt es für einen Physiker das perfekte Fußballtor?
Das Tor von Roberto Carlos gegen Frankreich 1997. Der Ball macht einen riesigen Bogen. Der Torwart reagiert gar nicht, weil er denkt, der Ball geht weit vorbei. Und plötzlich kommt dieser Ball zurück. Da stimmt alles: Der Ball ist schnell, er hat die richtige Rotation. Das war wirklich ein Moment, in dem alles gepasst hat.
Die WM findet in den USA, Kanada und Mexiko statt. Spielt Heimvorteil überhaupt noch eine Rolle?
Ja, den gibt es. Das Publikum beeinflusst eine Mannschaft – und auch den Schiedsrichter. Das lässt sich statistisch zeigen. Bei Mexiko kommt noch etwas dazu: die Höhe. Dort ist die Luft dünner, der Ball fliegt anders, er fliegt weiter. Auch daran müssen sich Mannschaften gewöhnen.
INTERVIEW: PATRICK REICHELT