Mexikos zwei Gesichter

von Redaktion

Massengräber und Vermisste – beim Turnier droht aber keine Gefahr

Sicherheitskräfte vor dem Stadion in Guadalajara. © Ruiz/AFP

Mexiko-Stadt/Guadalajara – Wenn morgen im Aztekenstadion der Anpfiff zur WM ertönt, geschieht etwas Sporthistorisches: Mexiko wird nach 1970 und 1986 zum dritten Mal Gastgeber sein – als erstes Land der WM-Geschichte überhaupt. Doch hinter den Kulissen des Fußballfests lauern Probleme: Drogengewalt, Massengräber, Menschenrechtsverstöße. Wie gefährlich ist Mexiko wirklich?

Die Menschenrechtslage sei angespannt, warnt Amnesty International gegenüber unserer Redaktion. „In Mexiko bereiten uns besonders der Einsatz des Militärs im Innern, das Verschwindenlassen von Menschen, Gewalt gegen Journalisten und queere Menschen sowie Einschränkungen von Protesten Sorge“, sagt Amerika-Referentin Maja Liebing. Besonders problematisch sei die Situation rund um den WM-Spielort Guadalajara. Die spanische Zeitung El País berichtete zuletzt von „mindestens einem Dutzend“ Massengräbern in und um die Millionenstadt im Bundestaat Jalisco. Allein in vier Gräbern, weniger als 20 Kilometer vom WM-Stadion Akron entfernt, seien 500 Plastiksäcke mit Leichenteilen gefunden worden.

Nach offiziellen Angaben gelten in Mexiko derzeit mehr als 130.000 Menschen als verschwunden, wie das Mexiko-Büro der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) auf Anfrage erklärt. „Der Großteil dieser Fälle stammt aus der Zeit seit 2006, als der mexikanische Staat den militarisierten Krieg gegen die Drogen begann“, sagt Johannes Hügel, Leiter des KAS-Auslandsbüros. Anfang 2026 eskalierte die Lage. Am 22. Februar starb Nemesio Oseguera Cervantes, genannt „El Mencho“ – der Anführer des mächtigen Kartells Jalisco Nueva Generación (CJNG). Die Folge: Straßenblockaden, brennende Fahrzeuge, Angriffe auf Sicherheitskräfte und Flugausfälle in mehreren Bundesstaaten.

Trotz der besorgniserregenden Lage gibt Hügel Entwarnung für WM-Besucher: „Es ist derzeit nicht davon auszugehen, dass Kartelle Infrastruktur und Orte, die im Rahmen der WM stehen, gezielt angreifen würden.“ Eine internationale Großveranstaltung oder Touristen direkt ins Visier zu nehmen, liege nicht im Interesse der Kartelle. Das würde massiven internationalen Druck und schärfere Sicherheitsmaßnahmen provozieren. Für WM-Besucher sei die Gefahr „vergleichsweise gering“. Auch, weil die mexikanische Regierung mit rund 100.000 Sicherheitskräften präsent sein werde.

Daran ändern auch die Massenproteste am Dienstag nichts. Tausende Demonstranten blockierten dabei die Hauptzufahrt zur ikonischen Arena. eit vergangener Woche demonstrieren Lehrkräfte für höhere Löhne und neue Verhandlungen über das Rentensystem

Hügel warnt derweil davor, Mexiko als Krisenstaat darzustellen: „Das Land verfügt über eine stabile Volkswirtschaft, eine starke industrielle Basis und moderne urbane Zentren.“ Die Probleme seien real, unterschieden sich regional jedoch stark. Wirtschaftliche Modernität und strukturelle Krisen existierten gleichzeitig nebeneinander.ANDREAS SCHMID

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