Vorbeigezogen: Stammkeeper Neuer und Ersatzmann Baumann (rechts).
Lässt die Fan-Herzen immer noch schlagen: Nationaltorhüter Manuel Neuer. © Hassenstein (2)/AFP, Kraft/Imago
Endlich Teamtraining: Der Keeper trainierte Montagnachmittag (Ortszeit) erstmals wieder mit der Mannschaft.
Winston-Salem – Manuel Neuer machte, was ein Torhüter machen muss: hechten, fliegen, Bälle passen und schießen. Und ja: auch mit links, mit dem Bein mit der Problemwade. Insofern ist die Behauptung richtig, dass der 40-Jährige ins Training der deutschen Nationalmannschaft zurückgekehrt ist. Allerdings: Der Begriff Teamtraining wäre zu hoch gegriffen, denn Neuer bewegte sich beim öffentlichen Üben in Winston-Salem vor 3000 Zuschauern – überwiegend amerikanischen, aber gut eingedeckt am DFB-Merchandisingstand – weiterhin abseits der klassischen Spielsituationen. Beim zum Gaudium des Publikums auf verkürztem Feld absolvierten Kick standen bei den beiden Deutschlands Alexander Nübel und Jonas Urbig in den Kästen. Neuer spielbereit?
Die Fans im Spry Stadium der Wake Forest University waren Eventies, die lokalpatriotisch aufjubelten, als DFB-Präsident Bernd Neuendorf in einer (abgelesenen) Ansprache vor der Tribüne sagte, man habe „North Carolina auf die Landkarte der WM gebracht“ – Hintergründe in der Torhütergeschichte der deutschen Mannschaft kennen sie natürlich nicht. Deswegen durfte sich Manuel Neuer frei fühlen von den bohrenden Blicken und dem allgemeinen Zweifel, der ihn zu Hause umgibt: Schafft er es überhaupt, zum WM-Start am Sonntag gegen Curacao fit zu werden? Und ist das überhaupt gerecht, dass er nun wiederkommt und einen Platz beansprucht, der eigentlich gar nicht frei ist? In Deutschland hat sich eine starke Pro-Oliver-Baumann-Stimmung entwickelt, und medial ist das Thema nicht zu umgehen. Als die DFB-Elf am Samstag in Chicago gegen die USA spielte, setzte die Regie nach jeder Baumann-Tat ein Neuer-Gesicht ins Bild. Der Kontrast ergab sich von alleine: Der Gute und der Gierige.
Gerade erinnert die Geschichte sehr an 2018. Neuer war ein ganzes Jahr verletzt gewesen (zweiter Mittelfußbruch), die Qualifikation zur WM erspielte die Mannschaft mit Marc-Andre ter Stegen. Neuer war auch während seiner Absenz offizieller Kapitän, besuchte das Team einmal vor einem Spiel in Düsseldorf – es war zu vielen Spielern aber der einzige Kontakt. Die Jüngeren lernten ihn erst in der unmittelbaren WM-Vorbereitung in Südtirol kennen. Neuer bestritt den Test in Klagenfurt gegen Österreich (1:2-Niederlage), fuhr dann noch in der Nacht nach München, um sich einer MRT-Untersuchung zu unterziehen. Auch beim Turnier in Russland immer wieder Kontrolluntersuchungen, ob der Fuß hält Die Leistungen Neuers waren überschaubar (0:1 gegen Mexiko, 2:1 gegen Schweden), gegen Südkorea stürmte er am Ende mit, schaffte es nicht mehr zurück (0:1) und bekam noch einen durch die Beine (0:2).
Und die Turniere danach: Die EM 2021 – in allen vier Spielen fing er Gegentore. Die WM 2022 – schwach. Fehler gegen Japan (1:2) und Costa Rica (4:2) – zurück in Deutschland die fatale Skitour. Bei seinem DFB-Comeback war er dann nicht mehr Kapitän, Hansi Flick inthronisierte Ilkay Gündogan. Die EM 2024 – mit wenigstens den ersten gegentorlosen Turnierspielen seit der EM 2016 (je 2:0 gegen Ungarn und Dänemark). Allerdings: Der alte Neuer wie bei der WM 2014 zeigte sich auch dort nicht, den Torwartbloggern und -podcastern entging nicht der zusätzliche Schritt vor dem Absprung, den der jüngere Neuer nicht benötigt hatte. Nicht zu vergessen die tiefgreifenden Diskussionen nach dem letzten Testspiel in Mönchengladbach gegen Griechenland, wo er beim Herauslaufen einen Gegenspieler übersehen und ein Tor verschuldet hatte. Ein Wechsel zu ter Stegen lag in der Luft. Diese Eskalation vermied Nagelsmann. Wie vor ihm Joachim Löw und Hansi Flick.
Wie weit ist Manuel Neuer jetzt? Das zeigen die nächsten Tage.GÜNTER KLEIN