ZUM TAGE

Der Fußball gegen die Fifa

von Redaktion

Diese WM findet unter noch nie da gewesenen Umständen statt.

Wie lange dürfen die deutschen Fans hoffen? Es gibt Unterstützer in den USA, aber im Achtelfinale wartet womöglich schon Mitfavorit Frankreich. Foto: dpa

Gianni Infantino mit Donald Trump. © dpa

Wie die WM wohl in Deutschland aufgenommen wird? „Hängt davon ab, wie wir abschneiden“, sagt Bundestrainer Julian Nagelsmann. Da liegt er sicher richtig.

Das ist einfach ein Erfahrungswert: Auch wenn die Erwartung verhalten war wie etwa 2002 in dunklen Zeiten des deutschen Fußballs oder 2010 nach dem Ausfall des als zentral erachteten Michael Ballack – die Deutschen waren bereit, sich mitreißen zu lassen. Es entwickelten sich eben neue Geschichten: Die von Rudi Völler als Volksheld und acht Jahre später die einer neuen Generation in einer multikulturell geprägten Mannschaft. Diese Sommer fühlten sich großartig an, es herrscht auch jetzt noch eine Sehnsucht nach ihnen. Daher: In einem Turnier können sich Dynamiken entwickeln, warten wir also ab.

Allerdings ist der Blick, den man auf solche Großereignisse hat, nicht nur durch die Perspektive der eigenen Mannschaft bestimmt. Ein wahrnehmbarer Teil der Fans fragt auch: Findet das Turnier in einem Land statt, das es verdient hat und das es ehrlich meint mit dem Sport? Russland konnte 2018 seine geopolitischen Ambitionen kaum noch verhehlen. Katar 2022 hat die Menschen nicht nur mit logistischen Themen (Klima, wenig Fläche, geringe Unterbringungskapazitäten) aufgewühlt, sondern mit der verächtlichen Haltung der Herrschenden gegenüber der Arbeitsressource Mensch. Diese Turniere hatten eine schlechte Reputation, dazu kam in Deutschland noch das sportliche Versagen.

Auch die Erwartungen an das vorwiegend in den USA stattfindende Welt-Turnier sind gering. Früher nahm man den Jahresurlaub, um sich vor dem neu angeschafften Fernseher vollständig der „Pille für den Mann“ zu widmen. Macht das heute noch jemand? Kann man die WM angesichts der gestiegenen Zahl an Spielen von 64 auf 104 überhaupt noch fassen, genießen – oder wird das schnell eine einzige graue Masse? Wird aus den Stadien Stimmung transportiert werden, wenn die Ränge nicht so voll sind, wie die Fifa es verkünden lässt? Die Fans zu Hause werden sich nicht freimachen können von all den Nachrichten: absurde Preise, Einreiseerschwernisse, die fragwürdigen Klüngeleien zwischen Donald Trump und Fifa-Boss Gianni Infantino.

Russland und Katar fügten sich letztlich noch dem Grundsatz, dass der Fußball für alle ist. 2026 ist das nicht mehr der Fall. Zum ersten Mal muss der Fußball gegen die antreten, die ihn beschützen sollten. Das kann böse enden und zu einem geschäftlichen Flop werden.

Was die deutsche Mannschaft betrifft: Wer den Spielplan mal durchgerechnet hat, kommt zu der Konstellation eines Achtelfinals gegen Frankreich. Die realistisch gewordenen Fans würden über ein Ausscheiden unter diesen Umständen nicht böse sein – aber es wäre dann noch reichlich WM übrig. Ob das noch interessieren würde?

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