Ein Demonstrant mit Flagge auf der Straße.
Jacquelyn Ceplecha (li.) bei einer Demonstration nach dem Tod von Alex Pretti.
Chicago – Die WM soll ein Spektakel werden, dessen Hochglanzbilder um die Welt gehen. So sieht es zumindest Donald Trump. Mitten im Umfragetief und angesichts der Kritik am Irankrieg will der US-Präsident das Turnier nutzen, um die USA als gigantische Sportnation zu stilisieren, die die größte, spektakulärste und sicherste WM aller Zeiten organisiert – kleiner geht es natürlich nicht. Parallel wird nicht nur tausenden Fans (und sogar Schiedsrichtern) die Einreise verweigert, auch im Land bleibt die Lage angespannt.
Agenten der ICE-Behörde (Einwanderungs- und Zollbehörde) stehen in der Kritik, weil sie Menschen mit Migrationshintergrund wie Kopfgeldjäger im Wilden Westen von der Straße ziehen, häufig gewaltvoll und teils mit Todesfolgen, wenn sich die betreffenden Personen dagegen zur Wehr setzen.
Jacquelyn Ceplecha kämpft seit Trumps zweiter Amtszeit gegen dieses Vorgehen an. In der Facebook-Gruppe „ICE-Fehlverhalten“ postet sie Videos vom brutalen Vorgehen der Beamten und warnt die Einwohner in Chicago, wenn die ICE-Agenten in ihren Wohnvierteln gesichtet werden: „Es ist bereits die zweite Facebook-Gruppe, die erste wurde von der Regierung gelöscht und deren Gründer aktuell verklagt. Aber ich kann mir die Gewalt nicht ansehen, ohne etwas zu tun“, erklärt die Krankenschwester im Gespräch mit unserer Zeitung.
„Es passiert durchgehend. Diese Agenten ziehen Menschen von der Straße, nur weil sie Spanisch sprechen oder so aussehen. Familien werden auseinandergerissen, ohne den Betroffenen Kontaktmöglichkeiten oder Zugang zu einem Anwalt zu geben. Es sind bereits mehrere Menschen in Haft gestorben, weil sie dort keine Medikamente kriegen und behandelt werden wie Ungeziefer.“
Und es passiert weiter – auch während der WM. Erst vergangene Woche, als die Nationalelf in Chicago weilte, fuhr ein ICE-Agent mit seinem Wagen einen Demonstranten an und verletzte ihn am Bein. Ceplecha teilte ein Video der Szenen in die Facebook-Gruppe. Andere Möglichkeiten, sich zu wehren, bleiben ihr kaum. Für hispanische Migranten geht sie außerdem regelmäßig einkaufen und holt ihre Kinder von der Schule ab. „Viele Eltern trauen sich nicht mehr aus dem Haus. Es ist eine beliebte Masche der ICE-Agenten, vor Schulen und Kindergärten zu warten, um dort migrantisch aussehende Personen zu verhaften.“
Vor einem Jahr ging aus Chicago der Fall einer Erzieherin der „Rayito de Sol“-Kita um die Welt, die von ICE-Agenten brutal aus der Kita gezogen wurde – vor den Augen der Kinder, die traumatisiert zurückblieben. „Sie gehen nicht einmal heimlich vor. Mein Sohn rief mich im Januar völlig aufgelöst an, weil er bei TikTok sah, wie ein Krankenpfleger auf offener Straße erschossen wurde“, erklärt Ceplecha. „Er hat Angst, dass ich erschossen werde, weil ich auf jede Demonstration gegen Trump und die ICE-Behörden gehe. Teils schießen sie dort mit Gummigeschossen vom Dach in die Menge.“
Nach großen Ausschreitungen in Chicago ist derzeit New Jersey ein Brennpunkt von Protesten und Gewalt rund um die Einsätze der ICE-Agenten. Die DFB-Elf spielt dort am 25. Juni gegen Ecuador. Laut Amnesty International befinden sich aktuell 68.000 Menschen in ICE-Hafteinrichtungen, 50 Menschen sind seit 2025 in ICE-Gewahrsam gestorben. Die US-Regierung hofft, dass die Proteste dagegen rechtzeitig vor den Midterms-Wahlen abflachen – und setzt dabei auch auf die Hochglanz-Bilder der WM.VINZENT TSCHIRPKE