Deutsche Fans in den USA: Wie viel Begeisterung wird es vor Ort geben? Zumindest bei den Testspielen war Stimmung. © Federico Gambarini/dpa
„Sportpolitisch gescheitert“: Fanforscher Lange sieht die Rolle des DFB um Präsident Neuendorf kritisch. © Gambarini/dpa
Beflügeln die DFB-Spieler um Nmecha die Stimmung im Land? © Morea/Imago
Die Mutter aller Fanmeilen in Berlin– bereit für die nächste Party? © DPA
München – 39 Tage WM, 39 Tage Fußballfest in Deutschland? Das sieht Harald Lange, Fanforscher und Universitätsprofessor in Würzburg, anders. Im Interview spricht der Experte über die Stimmung, die unsere Gesellschaft erwartet.
Herr Lange, der Countdown läuft – spüren Sie schon WM-Stimmung?
Ich habe davon gehört – gespürt habe ich sie allerdings noch nicht.
Woran liegt das?
Vor den 2000er-Jahren gehörte Vorfreude zum Inventar eines guten Turniers. Seit 2014, spätestens 2018, ist diese Vorfreude, das Hinfiebern auf den ersten Anstoß, stetig weniger geworden.
Russland, Katar: Liegt das an den Ausrichter-Ländern – oder gibt es andere Gründe?
Es gibt ein paar Punkte, die in der Summe dazu führen, dass eine Abstumpfung stattfindet. Ein Punkt ist die Inflation. Wir werden im Fußball das gesamte Jahr über mit vermeintlich hochklassigen Spielen und Events bombardiert. Dazu kommen Baseball, Basketball, NFL. Und das führt dazu, dass eine WM, die aufgebläht wurde – 48 Mannschaften, 108 Spiele – zunehmend bedeutungslos wird.
Von der EURO 2024 aber wurden Sie positiv überrascht, sagten Sie damals.
Das lag aber nicht an uns, sondern an anderen Fans – vor allem aus Schottland und den Niederlanden. Wir hatten 2024 keine klassische Fanstimmung, sondern eine Partystimmung. Die Deutschen mussten nicht zum Ballermann reisen, um richtig Party zu machen, sondern konnten das auf jeder Fanmeile. Genau bis zu dem Tag, an dem das DFB-Team ausgeschieden ist. Dann war die Party zu Ende. Das ist übrigens ein neueres Phänomen, das für Veranstalter, Verbände hochinteressant ist. Einschaltquoten, Aufmerksamkeit, Geld. Darauf fokussiert man sich.
In Deutschland geben mehr als die Hälfte der Fans an, die Spiele gemeinsam zu verfolgen. Riecht das nicht nach gesellschaftlicher Verbindung?
Die Expertengruppe, der Nerd, der am liebsten alleine oder mit zwei, drei Kumpels den Fußball analysiert, wird immer seltener. Dafür haben wir mehr Event- und Partypublikum. In der Gemeinschaft kann man abfeiern. In der Nachbarschaft, unter Freunden oder eben am Marktplatz. Da lernen wir Leute kennen, da werden wir feiern, schimpfen, etwas Gemeinsames erleben. Wir werden eine Feier-WM erleben. Der Feier-Pegel ist abhängig vom Erfolg des DFB-Teams.
Liegt die Schuld beim DFB?
In großen Teilen ja. In Katar ist man sportpolitisch derart gescheitert, dass sogar das Sportliche drunter gelitten hat. Danach hat man auf Rudi Völler gehört – und spielt jetzt einfach nur noch Fußball. Das kann man machen! So lassen sich die begeistern, denen Party reicht. Aber Impulse für einen gesellschaftlichen Ruck kommen von dieser Gruppe nicht.
Das heißt: Mit einem Aus des DFB-Teams wäre die WM in Deutschland vorbei?
Wenn die Mannschaft im ersten Spiel verliert, ist die WM vorbei. Und dass das spätestens bei einem Aus der Fall ist, haben wir bei den letzten Turnieren beobachtet. Dabei wäre gerade diese WM prädestiniert, eine politisch aufgeladene Debatte auszulösen. Das Spiel als Anlass zu nehmen, um über Kriege, Diversität, Geopolitik zu sprechen. Der Ball läge auf dem Elfmeterpunkt. Aber anstatt ihn zu verwandeln, macht man alles, um sich anzupassen. Wir biedern uns den Machthabenden an, um in ihrem Schatten zu glänzen.
Inwiefern?
Wir spielen in fairem Wettkampf, alle sind gleich, in einem Land, das genau diese geopolitische Dimension unseres Zusammenlebens seit eineinhalb Jahren derart auf die Probe stellt, in allen Ecken der Welt Konflikte anzettelt, den Kommerz an allererste Stelle stellt. Das würde das Spiel auf einer anderen Ebene erden. Dann wäre das ein gesellschaftliches Ereignis! Auch wenn die Welt danach nicht besser wäre. Stattdessen macht man alles, um sich anzupassen. Das ist ein Anbiedern an diejenigen Leute, die ganz oben in der Nahrungskette stehen. Das ist ein Unterhaltungsthema geworden. So kann man das Volk ruhig halten und verdummen. Aber so wird keine Entwicklung – ob gesellschaftlich, politisch, moralisch – in Gang gesetzt. Das geht aber nur, wenn man sich diesen Dingen auch stellt.
INTERVIEW: HANNA RAIF