Wann fällt der erste Dominostein?

von Redaktion

Kader, Trainer, Markenrechte – alles hängt jetzt an KGaA-Boss Paula und der Insolvenzfrage

Mögliches Ausweichlogo: Falls die Löwen als e.V.-Team das Original-Wappen nicht verwenden dürfen.

München – 56 Paletten. Diese Lieferung des spanischen Ausrüsters Joma ist dieser Tage beim TSV 1860 angekommen. Die Trikots für die neue Saison sind da. Nach Informationen unserer Zeitung orientieren sie sich optisch an den Meistertrikots von 1966. Eine Hommage an große Zeiten. Offen ist nur, ob sie jemals getragen werden.

Produziert wurden die Jerseys für die Drittliga-Saison 2026/27. Für eine Spielzeit, die nie stattfinden wird. Nach dem Zwangsabstieg der Löwen und dem Streit um Kooperationsvertrag, Markenrechte und die Zukunft der Profifußball-KGaA droht der gesamten Lieferung ein trauriges Schicksal: Sie könnte eingestampft werden.

Kaum etwas beschreibt die Lage beim TSV 1860 derzeit besser als diese 56 Paletten. Die Löwen haben Trikots – aber keine Mannschaft. Sie dürfen in der Regionalliga antreten, haben aber noch keine Klarheit darüber, wie der Neustart organisatorisch überhaupt aussehen soll. Neun Tage nach dem „Schwarzen Mittwoch“ hängt der gesamte Verein an einer einzigen Frage: Geht die KGaA in die Insolvenz – oder nicht?

Nach Informationen unserer Zeitung wird Anfang kommender Woche mit einer richtungsweisenden Entscheidung gerechnet. Intern gilt sie als erster Dominostein, von dem alles Weitere abhängt. Viel Verantwortung für KGaA-Boss Manfred Paula. Denn solange die I-Frage ungeklärt ist, stockt der geplante Neustart.

Das betrifft vor allem den Kader. Während Konkurrenten wie Schweinfurt oder Buchbach ihre Vorbereitung planen oder bereits starten, besitzen die künftigen e.V.-Löwen weiterhin keinen gültigen Spielervertrag. Nicht etwa, weil niemand an einem Kader arbeitet. Sondern weil die rechtlichen Rahmenbedingungen in der Schwebe sind. Um nicht mit einer reinen U 17 antreten zu müssen, dem ältesten e.V.-Jahrgang, werden Rückkehr-Szenarien diskutiert – von Thomas Dähne bis Jesper Verlaat. Doch die Spieler wollen vor allem eines: Klarheit. Die fehlt bislang.

Gleiches gilt für die Trainerfrage. Auch hier erscheint eine Entscheidung erst dann realistisch, wenn feststeht, auf welcher Grundlage die neue Mannschaft überhaupt aufgebaut werden kann. Jeder verlorene Tag erschwert die Vorbereitung auf eine Saison, die bereits am 23. Juli beginnt. Im Totopokal geht‘s bereits am 18./19. Juli los, das wäre in fünf Wochen.

Hinzu kommt die wirtschaftliche Dimension. Nach Informationen unserer Zeitung kalkulieren die Verantwortlichen für eine konkurrenzfähige Regionalliga-Mannschaft mit einem Budget von 2,0 bis 2,5 Millionen Euro. Die Miete für das Grünwalder Stadion soll nach einem Treffen mit der Stadt bei 400.000 Euro liegen – zuletzt in der 3. Liga war es das Doppelte, knapp eine Million Euro.

Und noch eine Großbaustelle lähmt den Verein: Die Markenrechte liegen weiterhin bei der KGaA bzw. bei Hasan Ismaiks Fanartikel-GmbH. Auch die Ausrüsterverträge sind betroffen. Die Joma-Lieferung zeigt exemplarisch, wie viele Fragen noch offen sind. Wenngleich bereits ein Logo geleakt wurde, mit dem 1860 zur Not antreten könnte. Im BR sagte Präsident Gernot Mang am Mittwoch: „Wir werden mit dem Löwen auf der Brust spielen – und in den Farben Weiß und Blau.“

Währenddessen arbeitet die Gegenseite an ihrer juristischen Strategie. Investor Hasan Ismaik hat Staranwalt Peter Gauweiler eingeschaltet. Dabei wird auch um das Narrativ gerungen, warum die Löwen überhaupt abgestürzt sind. Während die Vereinsführung die Verantwortung vor allem bei Ismaik sieht, verweist dessen Holding HAM auf ein Finanzierungsangebot von mehr als vier Millionen Euro, mit dem die Lizenz nach eigener Darstellung hätte gesichert werden können. Zudem begründet die HAM die Kündigung ihrer Darlehen mit angeblichen Defiziten der KGaA bei Compliance, Transparenz und finanzieller Steuerung. Beide Seiten reklamieren die Deutungshoheit über die letzten Tage vor dem Zwangsabstieg für sich.

Bis dahin bleibt die Lage vor allem eines: kompliziert. Die Trikots sind da. Das Logo liegt bereit. Auf die entscheidenden Antworten warten die Löwen noch.ULI KELLNER

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