WM DAHEIM

Kind müsste man sein

von Redaktion

Die WM läuft – und in mir: nichts. Keine Euphorie. Kein Kribbeln. In meinem Wohnzimmer: nichts. Keine Fähnchen, keine Flaggen-Stifte fürs Gesicht. Keine schwarz-rot-goldene Perücke. Schade eigentlich. Früher war ich entweder bei einem Public Viewing oder habe gleich selbst zur WM-Grillfeier eingeladen. Aber früher waren Fehlentscheidungen auf dem Platz eben nur menschlich. Heute unterstelle ich bei der Ansicht gestochen scharfer VAR-Bilder oft Inkompetenz oder gar Schlimmeres. Früher waren internationale Turniere wie die WM tatsächliche Wochen der Freundschaft über alle Grenzen hinweg. Heute hört diese Freundschaft selbst bei WM-Schiedsrichtern mit gültigem Visum auf. Und als junger Mensch hat man ohnehin alles intensiver erlebt. Kind müsste man sein. Mein Sohn ist gerade zehn geworden. Und natürlich spielt er Fußball. Und natürlich ist es vermutlich die erste WM, die er bewusst wahrnimmt. Will ich der Spießer-Papa sein, der ihn zu einer vernünftigen Zeit ins Bett schickt? Dem Politik wichtiger ist als die Freude am Spiel? Oder gönne ich ihm die jugendliche, ungetrübte Freude, der ich selbst nachtrauere? Während ich mir darüber Gedanken mache, suche ich schon mal Fahnen und Perücke. Und checke mal, was die befreundeten Familien am Sonntagabend so machen. Nur zur Sicherheit, versteht sich.MARCO LITZLBAUER

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