Bärenstarke Berliner: Jack Kayil (l.) und Michael Rataj, Albas beste Werfer. © IMAGO
München – Svetislav Pesic begab sich auf eine Zeitreise. Dafür blickte er zurück in den Dezember. Kurz nach Amtsantritt hatte er festgestellt: „Ich selbst habe die Bundesliga ein bisschen unterschätzt.“ Die deutsche Eliteklasse hat nichts mehr zu tun mit dem Gebilde, das er 2016 verlassen hatte. „Viel besser als vor zehn Jahren“, notierte der große Kenner des deutschen Basketballs.
Wer einen weiteren Beweis brauchte, bekam ihn am Sonntag in Spiel zwei der Finalserie, das Alba Berlin mit 86:97 gegen den FC Bayern gewann: Bei den Berlinern waren mit Jack Kayil, 20 Jahre alt, und Michael Rataj, 22, zwei deutsche Jungprofis die besten Werfer. Bei den Bayern lag das Schicksal in den entscheidenden Minuten in den Händen von Andreas Obst, Johannes Voigtmann und Oscar da Silva. So viele deutsche Profis in Hauptrollen beim Finale der Bundesliga? Ein Wandel.
Deutschlands Oberhaus war schon immer ein Labor für Experimente. Importe, vor allem aus den Staaten, versuchten ihren Marktwert nach oben zu treiben, Coaches aus der ganzen Welt – am prominentesten natürlich Tuomas Iisalo (mittlerweile NBA-Trainer) – liebten es, teils verrückten Basketball hier auszutüfteln. Pedro Calles, der Cheftaktiker von Alba Berlin, gehört selbst zu den wilden Professoren. Seit 13 Jahren arbeitet er in Deutschland und stellt fest: „Jedes Jahr haben die Clubs und der Verband Schritte nach vorne gemacht.“ Mit der Zeit wurde eine Klasse, die von austauschbaren Ausländern dominiert wurde, zu einem Schwimmbecken für die deutschen Elitetalente.
Die Bundesliga lässt den deutschen Basketball aufblühen. „Die Liga hat sich sportlich absolut top entwickelt“, sagt Pesic. Fast alle Clubs haben mittlerweile eine große professionelle Belegschaft. Das Regelwerk der Liga verpflichtet die Vereine, sechs Deutsche in jedem Spiel aufzustellen. So können sich deutsche Talente entwickeln.
Beispiel Michael Rataj: Er kommt aus Augsburg, wechselte in der U 15 zum FC Bayern. Die ganze Familie samt Tante und Cousin saß am Sonntag im SAP-Garden. Er sagt: „Es spricht für den deutschen Basketball und die BBL, wenn junge Spieler mehr Anlauf bekommen.“ Nach vier Jahren am College in den Staaten kehrte er im April nach Deutschland zurück. Nun ist es die jugendliche Verve der kleinen Albatrosse Rataj und Kayil, die den Bayern, ihren Welt- und Europameistern zu schaffen macht. Mit ihren Dreiern, ihrer Lauffreudigkeit und ihrer Unbeschwertheit ärgern sie den Favoriten. Für die Liga, die doch an vielen anderen Stellen krankt und auf eine Ära der Roten Dominanz zusteuert, ist das ein wunderbarer Augenblick: Deutsche Profis im Rampenlicht des deutschen Finals. So oft hat es das nicht gegeben. ANDREAS MAYR