Endlich wieder ein Auftaktsieg: Joshua Kimmich und Alex Pavlovic. © Baron/AFP
Bruchlandung? Musiala lieferte nach dem Ausgleich. © Schemidt/AFP
Schockmoment: Curacao trifft zum 1:1 – für Paul Breitner (re.) lieferte das Spiel wenig Erkenntnisse. © Charisius/dpa, Imago
Was wir aus diesem 7:1-Auftaktsieg der deutschen Nationalmannschaft gegen Curacao mitnehmen können? Wir haben bei jemandem nachgefragt, der es wissen muss: Paul Breitner (74). Die Legende des FC Bayern und der DFB-Elf, mit der der Kolbermoorer 1972 Europa- und 1974 Weltmeister wurde, stand unserer Zeitung unmittelbar nach Abpfiff Rede und Antwort. Sein Fazit ist, dass noch kein Fazit gezogen werden kann. Das Interview:
Herr Breitner, welchen Nachgeschmack hat der deutsche Auftaktsieg bei Ihnen hinterlassen?
Ich habe ja das Eröffnungsspiel live vor Ort verfolgen dürfen. Mein Eindruck, und das hat jetzt mit der deutschen Nationalmannschaft nichts zu tun, ist: Bis zum Sechzehntelfinale stehen wir vor der schwächsten Weltmeisterschaft der vergangenen Jahrzehnte.
So?
Also wenn ich dieses unsinnige Gequatsche höre, dass die Curacao-Spieler alle in den Niederlanden ausgebildet wurden, und dann sehe, dass die ja alle in der zweiten Liga spielen, dann frage ich mich: Was ist das bitte für ein WM-Teilnehmer? Und Nationalmannschaften wie Italien sitzen daheim. Die sind natürlich auch gewissermaßen selbst schuld, aber bitte! Es ist insgesamt schade.
Also entbehrt das deutsche Auftaktmatch jeglicher Aussagekraft?
So ist es. Im Grunde muss man hier von einem Trainingsspielchen unter Wettkampfbedingungen sprechen. Nicht mehr und nicht weniger. Und ich bin mir sicher: Wenn es notwendig gewesen wäre, dann wären zum Beispiel auch bei einem Leroy Sané weniger Nerven dabei gewesen. Er hat ein paar Pässe und Abschlüsse abgegeben, bei denen ich mir gedacht habe, dass er es zu perfekt machen will und ihm die Nervosität einen bösen Streich spielt. Das war vielleicht das Einzige, das mir negativ aufgefallen ist: Sané hatte die gesamte rechte Seite für sich und hätte ein Spiel aufziehen können, das ihm und seinem linken Fuß liegt – war aber nicht ganz auf der Höhe. Gerade gegen einen Gegner, der lieb und nett, ja fast sogar ehrfürchtig war.
Was ist Ihnen beim Gegentreffer durch den Kopf gegangen?
Schon zu meinen Spielerzeiten habe ich mich immer sehr geärgert, wenn sich ein Abwehrspieler wegdreht. Wenn ich das sehe, da schüttelt’s mich. Das bekommst du als Abwehrspieler immer gesagt, von Anfang an: Dreh dich nicht weg! Schau, wie der Ball fliegt! Bleib stehen! Dann dreht der Kimmich sich weg, macht dabei eine Bewegung und fälscht den Ball mit der Wade ab. Dafür habe ich kein Verständnis.
Was erwarten Sie gegen die Elfenbeinküste und Ecuador?
Mindestens eine Stufe drüber, aber wir werden noch viele Spiele erleben, bei denen wir uns alle fragen werden: Ja muss das denn sein? (lacht) So wie das Eröffnungsspiel – das schlechteste, das ich jemals gesehen habe. Da habe ich mich nur gefragt: Was sollen denn hier für fußballentwicklungsspezifische Erkenntnisse herauskommen? Ich befürchte: wenige.
Dafür eine neue Hymnensituation. Und Trinkpausen.
Bei 40 Grad im Schatten habe ich ja Verständnis für Trinkpausen, aber nicht bei 20 Grad, so wie beim Eröffnungsspiel in Mexiko-Stadt. Wissen Sie, was die Konsequenz daraus ist?
Nein.
Dass es bei den Kleinsten in der F- und E-Jugend dann auch bei Kälte und Regen Trinkpausen gibt. Eine Trinkpause ist vielleicht nach einem Tor sinnvoll, um schnell etwas nachzujustieren, dafür muss ich aber nicht aktiv für zwei oder drei Minuten den Spielfluss unterbrechen. Der Spieler, der unter normalen klimatischen Voraussetzungen nach 23 Minuten eine Trinkpause benötigt, der hat definitiv etwas falsch gemacht.
INTERVIEW: JOSÉ CARLOS MENZEL LÓPEZ