„Klopp ist gefährlich“

von Redaktion

Sportpsychologe erklärt die Brisanz der Expertensätze für Nagelsmann

Sportpsychologe Matthias Herzog. © privat

Julian Nagelsmann vor dem WM-Auftakt. © Weller/dpa

Gute Miene zum nervigen Spiel: Nagelsmann mit den Magenta-Experten Müller und Klopp (v. li.).

Deutschland siegt zum WM-Auftakt mit 7:1 gegen Curacao. Doch die Debatte um Bundestrainer Julian Nagelsmann und seinen möglichen Nachfolger Jürgen Klopp bleibt das Thema. Der frühere Weltklasse-Coach hatte beim WM-Eröffnungsspiel für Aufsehen gesorgt. Als es um die DFB-Aufstellung gegen Curacao ging, meinte Klopp in seiner Funktion als Experte bei MagentaTV: „Zum Glück stellt Julian Nagelsmann die Mannschaft auf“ – und schob dann ein „noch“ hinterher. Dies sei nun sein „Unwort des Jahres“, betonte Klopp am Sonntag und entschuldigte sich persönlich bei Nagelsmann: „Ich hätte mir dafür aufs Maul hauen können, aber das war schon zu spät und ich war im Fernsehen. Das ist flapsig rausgerutscht.“ Danach klatschten Klopp und Nagelsmann ab. Wie bewertet Sportpsychologe und Unternehmenscoach Matthias Herzog die Situation zwischen den beiden Trainern?

Herr Herzog, ist die „Noch“-Debatte mehr als nur ein kleiner Experten-Wirbel?

Ja, absolut. Das eigentliche Thema lautet: Wie viel Macht haben Experten inzwischen über Trainer, Spieler und die Stimmung rund um eine Mannschaft? Und bei Jürgen Klopp wird diese Frage besonders brisant. Denn Klopp ist eben nicht irgendein TV-Experte. Bei ihm hört man nicht nur den Kommentator. Bei ihm hören viele automatisch den möglichen nächsten Bundestrainer. Genau deshalb hatte dieses kleine Wort „noch“ so eine enorme Sprengkraft.

Warum?

Wenn ein normaler Experte sagt: „Ich würde anders aufstellen“, ist das Kritik. Wenn Klopp so etwas sagt, klingt es schnell wie eine Alternative. Vielleicht sogar wie ein Blick in die Zukunft.

Ist Klopp damit der gefährlichste Experte für Nagelsmann?

Ja, weil Klopp nicht nur Meinung hat, sondern Aura. Das ist der entscheidende Unterschied. Thomas Müller ist meinungsstark, nah dran, unterhaltsam. Lothar Matthäus oder Stefan Effenberg haben Gewicht, weil sie große Spieler waren. Aber Klopp steht noch einmal in einer anderen Rangordnung. Er ist für viele die emotionale Idealbesetzung als Bundestrainer. Nagelsmann ist der Mann mit Vertrag. Klopp ist der Mann mit Sehnsuchtskraft.

Hat sich Klopp mit dem Wort „noch“ bewusst als nächster Bundestrainer positioniert?

Das glaube ich nicht zwingend. Klopp ist emotional, spontan und manchmal schneller mit der Zunge als mit der inneren Presseabteilung. Genau das macht ihn so beliebt. Aber Wirkung ist im Profifußball oft wichtiger als Absicht. Klopp muss gar nicht bewusst eine Bewerbung abgegeben haben. Es reicht, dass viele seinen Satz so lesen konnten. Und das ist der Kern: Ein Klopp-Satz wird nie nur als Klopp-Satz gehört. Er wird mit seiner möglichen Zukunftsrolle verbunden.

War seine Entschuldigung gegenüber Nagelsmann ehrlich oder einfach professionelle Schadensbegrenzung?

Wahrscheinlich beides. Ich nehme Klopp ab, dass er Nagelsmann nicht bewusst beschädigen wollte. Gleichzeitig war die Entschuldigung kommunikativ notwendig. Er musste das Feuer löschen, bevor aus einem Spruch eine echte Nachfolge-Debatte wird. Klopp ist erfahren genug, um zu wissen: Wenn er diesen Satz stehen lässt, wird er selbst zum Störfaktor. Deshalb war seine Entschuldigung menschlich glaubwürdig – und strategisch klug.

Wie bewerten Sie Nagelsmanns Reaktion auf die Entschuldigung?

Eher gute Miene zum bösen Spiel. Nagelsmann kann gar nicht anders reagieren. Wenn er sagt: „Das hat mich getroffen“, wirkt er verletzt. Wenn er Klopp öffentlich attackiert, macht er die Geschichte größer. Wenn er schweigt, wirkt er dünnhäutig.

INTERVIEW: PHILIPP KESSLER

Artikel 4 von 11