Rauswurf in der Nacht

von Redaktion

„Desaster!“ Iran muss nach Remis gegen Neuseeland sofort aus den USA ausreisen

Symbol der Opposition: Fans mit der alten iranischen Flagge. © Squire/AFP

Platzte nach dem 2:2 gegen Neuseeland der Kragen: Mehdi Taremi (re.). © Squire/AFP

Tschüss! Der Iraner Rezaeian (re.) verabschiedet sich von den Fans. © Penner/dpa (2)

Los Angeles – Kapitän Mehdi Taremi sprach erbost von einem „Desaster“, Trainer Amir Ghalenoei beklagte die „Unterdrückung“ seines Teams – und FIFA-Präsident Gianni Infantino konnte die Wut der Iraner über die Begleitumstände bei der WM und die Blitzabreise aus Los Angeles auch mit einem Kabinenbesuch nicht lindern. „Es wirkt, als ob wir von anderen gesteuert werden“, schimpfte Ghalenoei.

Die Iraner waren davon ausgegangen, nach dem 2:2 (1:1) gegen Neuseeland noch eine Nacht in Kalifornien bleiben zu können, für Dienstagmorgen war ein Regenerationstraining vorgesehen. Stattdessen wurde das Team Melli zur sofortigen Abreise aus den USA in sein Teamquartier im mexikanischen Tijuana aufgefordert. Wieso das geändert wurde, wisse er nicht, sagte Ghalenoei, aber: „Wir sind das am meisten unterdrückte Team im Turnier.“

Nach dem Spiel gab es gleich die nächsten Probleme: Laut der staatlichen Nachrichtenagentur IRNA hatten Taremi und ein Mitarbeiter beim Abflug von Los Angeles nicht genauer beschriebene „Schwierigkeiten“. Zudem lief das Visum des Mittelfeldspielers Mehdi Torabi ab, weil ihm anders als seinen Teamkollegen nur eine einmalige Einreise erlaubt worden war.

Zuvor hatten die Iraner beim politisch aufgeladenen Auftakt allen Widerständen und einer komplizierten Vorbereitung getrotzt. Die Chancen auf das erstmalige Erreichen der K.o.-Runde sehen Taremi und Co. durch die besonderen Begleitumstände aber geschmälert. „Bei der WM musst du dich gut auf das nächste Spiel vorbereiten. Aber diese Unterstützung haben wir nicht. Die FIFA könnte uns da mehr helfen“, sagte der Angreifer von Olympiakos Piräus. Infantino, betonte Taremi, habe der Mannschaft in der Kabine einen Besuch abgestattet und versuche „zu helfen. Aber es geht auch um andere Dinge.“ Zum Beispiel um das Fehlen des kompletten Medienteams oder des Verbandschefs, die kein Visum für die USA erhalten hatten. Auch Teile des weiteren Staffs fehlen. „Diese Leute sind wichtig für uns“, sagte Taremi: „Das ist ein Desaster.“

Und tatsächlich sind die Rahmenbedingungen für die Iraner alles andere als einfach. Monatelang stand die WM-Teilnahme aufgrund des Krieges mit den USA infrage, ausgerechnet 24 Stunden nach dem von US-Präsident Donald Trump verkündeten Friedensabkommen zwischen beiden Nationen lief das Team Melli in Los Angeles auf.

Proteste der zahlreichen, in Kalifornien lebenden Exil-Iraner gegen das Regime in Teheran hatten die Partie bereits im Vorfeld begleitet. Während des Abspielens der Nationalhymne waren im Stadion lautstarke Pfiffe zu hören – bei den iranischen Toren wurde dagegen lautstark gejubelt. Der Zwiespalt vieler Menschen ist zu erahnen: Die Hymne stünde für das Teheran, das sie nicht wollten, die Mannschaft für die Menschen im Iran, die sich nach Freude sehnten.

Zu sehen waren außerdem sowohl die aktuelle iranische Fahne als auch die ältere aus der Zeit vor der Islamischen Revolution. Letztere wird als Symbol der Opposition angesehen. Ansonsten stand aber tatsächlich der Fußball im Vordergrund – bis die Spieler und Trainer Ghalenoei ihrem Ärger Luft machten. „Es ist eine schlimme Situation. Wir sind einfach müde“, sagte Taremi. Dabei ist in Gruppe G nach dem ersten Spieltag alles offen: Alle vier Teams haben einen Zähler auf dem Konto. Die weiteren Gegner des dreimaligen Asienmeisters Iran sind Belgien und Ägypten. Taremi hofft, dass sich die Situation für die kommenden Spiele verbessert, denn: „Wir sind hier, um Fußball zu spielen.“

Artikel 1 von 11