Da ist das Ding: Kapitänin Süß im Jahr 1976. © FCB
Wiedersehen 2026: Die Meisterinnen von damals mit Herbert Hainer. © Merk/IMAGO
Zeitreise in der Arena: Zum Gespräch brachten Christl Süß und Traudl Langer Erinnerungsstücke mit. 1976 zum Anfassen.
Freund und Förderer: Der ehemalige Vizepräsident Pfab mit den Zwillingen Langer und Süß.
München – Es gab ein paar Nächte Anfang Mai, in denen konnte Christine Süß nicht gut schlafen. „Wissen Sie, wenn man 50 Jahre mit all dem nicht zu tun hatte, dann macht das was mit einem“, erzählt die 80-Jährige. Ihre Zwillingsschwester Gertraud, genannt „Traudl“, Langer hat neben ihr Platz genommen, zwischen den beiden topfitten Damen im roten Shirt liegen Unterlagen, Fotos, Medaillen. „Die riechen etwas, weil sie im Keller waren“, sagen sie. Aber so ist das eben mit Erinnerungsstücken an eine Zeit, die längst vorüber und aktuell trotzdem so präsent ist. Vor sechs Wochen wurden die Damen, die 1976 die erste Deutsche Meisterschaft für den FC Bayern gewonnen haben, von Präsident Herbert Hainer geehrt; am 20. Juni, diesen Samstag also, jährt sich der Erfolg aus dem Siegener Lembachstadion zum 50. Mal. Beste Gelegenheit für eine kleine Zeitreise.
Süß und Langer könnten Bücher füllen, so viel gibt es zu besprechen. Und genauso ging es auch zu, als sich die Truppe von damals zuletzt am FC Bayern Campus traf. Wenige Wochen, nachdem Traudl Langer in ihrem Briefkasten in Freimann einen von der langjährigen Managerin Karin Danner eingeworfenen Zettel mit der Inschrift „Bist Du die Traudl Langer? Dann ruf mich an!“ fand, gab es im Rahmen des letzten Saisonspiels der Meisterinnen von 2026 das das „große Hallodri“ mit all den Teamkolleginnen von damals. Es wurde geratscht, gelacht, aber natürlich auch genau in jenen Erinnerungen geschwelgt, die zwischen dem ersten Training der Frauen-Mannschaft im Jahr 1970 und dem Coup 1976 entstanden sind. Für Süß und Langer eine intensive Zeit, denn sie hatten im Meister-Team von Fritz Bank ein Alleinstellungsmerkmal.
„Wir waren mit Abstand die Ältesten“, erzählt Traudl Langer, aber das hielt die Zwillingsschwestern aus einer Wirtsfamilie nicht davon ab, ihren Traum zu leben. Die Annonce in der „Bild am Sonntag“ hatten sie 1970 entdeckt, „es war klar, wir machen das nur zusammen“; und es war auch klar, dass die Ehemänner mitziehen mussten.. Als sich an einem Sommertag 80 Frauen zur Sichtung an der Säbener Straße einfanden, hatten Langer und Süß bereits je eine Tochter zur Welt gebracht. Heute sind sie 59 und 61, damals 3 und 5. Die beiden Mamas lachen: „Sie wurden während des ersten Trainings von einem unserer Wirtsgäste betreut, der danach gesagt hat: Das mache ich nie wieder!“ Also halt warten, bis die Männer daheim sind, dann ging es an anfangs zwei, später dann drei Abenden pro Woche auf zum Training an die Säbener.
Zurück waren die Zwillinge oft erst gegen 23.30 Uhr, denn nach den Einheiten paukte das Team „Fußball-ABC“ im Salvatorkeller. Der Rest des Teams hatte die taktische Nachhilfe allerdings nötiger als Langer und Süß. Wer mit sechs Brüdern und vier Schwestern aufwächst, sucht sich Beschäftigung. Fußball wurde auf der Wiese hinter dem Haus gespielt, Handball bis in die Landesliga beim TS Jahn München. Die beiden hoben sich ab und arbeiteten vor allem an ihrer Kondition. Zum Termin in die Arena radeln sie auch mit 80 noch, ihre Füße wirken wieselflink, wenn sie zeigen, wie sie den Ball damals geführt haben. Kapitänin Süß als Zehner, Langer als Linksaußen.
Freundschaftsspiele gab es schnell, von Mailand bis ins Olympiastadion. Der Weg auf den deutschen Thron verlief kontinuierlich. 1975 wurde man Vizemeister, unter dem einstigen Amateur-Trainer Bank „dann nochmal anders angepackt“. Und als der von den Herren um Gerd Müller ausgeliehene Mannschaftsbus im Juni 1976 in Richtung Siegen starten wollte, kam Franz Beckenbauer rein und sagte: „Bringt‘s fei ja den Pokal mit!“ 3:2 im Halbfinale gegen Siegen, am schwülen Finaltag ging es gegen Tennis Borussia Berlin in die Verlängerung. Am Ende aber stand es 4:2 – „und wir waren platt“.
Über die 150 D-Mark als Prämie, die folgenden Ehrungen und Essenseinladungen reden die beiden freudig. Trotzdem war klar: Für uns war’s das. Mit dem Titel im Gepäck ging es zurück zu Männern und Kind, in das Leben, das lief und läuft, während die Frauen des FC Bayern zur deutschen Nummer eins wurden. Heute macht‘s „furchtbar viel Spaß, dem Team zuzusehen“, das haben die Meisterinnen von 1976 bei ihrem Besuch Anfang Mai festgestellt. Und genauso viel Spaß macht es, sich regelmäßiger zu sehen. Erst diese Woche war es wieder so weit. In kleinerer Gruppe – und ohne schlaflose Nächte.HANNA RAIF