WM-KOLUMNE

Rücksichtslose Eventisierung

von Redaktion

American Dream nennt sich das Innere eines Einkaufszentrums, das über eine lange Betonröhre von der Zufahrtsstraße und der Zugstation zum New York New Jersey Stadium zu erreichen ist. Wer bei dem erwarteten Verkehrschaos lieber Stunden früher anreist, muss sich ja vorher die Zeit vertreiben. Irgendwo. Irgendwie. An Spieltagen ist die gesamte Shoppingmall auf „World Cup“ getrimmt. In typisch amerikanischer Machart wird die gesamte Mall mit lauter Musik beschallt. Wenn nicht hier die Ohren dröhnen, dann spätestes drinnen im Stadion. „Make some noise“ (Macht etwas Lärm) ruft der Stadionsprecher – und dann rattert eine Dezibel-Skala über die vier Videowände.

Als ob Lautstärke ein Stimmungsgradmesser ist. So geht das bis zum Anpfiff weiter. Dass die Nationalflaggen vor dem Abspielen der Hymne mittlerweile fast den gesamten Rasen überspannen, passt zur großspurigen Inszenierung, die einen amerikanischen Wesenskern widerspiegelt. Und gerade in New York ist die permanente Unruhe in den Hochhausschluchten von Manhattan auch auf den mehr als 80.000 Plätzen zu beobachten. Sitzt hier überhaupt einer mal still?

Die Eventisierung gehört für den Großteil der WM-Klientel aus aller Welt dazu. Auffällig: Das Publikum ist recht jung. Und oft wild. Hier ein Selfie, dort ein Video. Was auf dem Platz passiert, ist gar nicht mehr so wichtig. Hauptsache, man wird über Social-Media gesehen. Und das am besten in Echtzeit-Aufnahme. Die Rücksichtslosigkeit gegenüber anderen Stadiongästen ist mittlerweile grenzwertig geworden, wenn sich jemand an zentralen Aufgängen minutenlang selbst filmt – und vielen anderen die freie Sicht auf den Platz versperrt.

Auf der Tribüne gilt: Wer nichts postet, ist eigentlich raus. Kann man den Fans verdenken, dass sie nach Erwerb der teuren Tickets ihr Erlebnis teilen wollen? Eher nicht. Es ist gewissermaßen die erkaufte Gegenleistung. Es sind Trends, die auch in Deutschland bei Bundesligaspielen teilweise Einzug gehalten haben. Aber die Radikalität, wie sich WM-Besucher selbst inszenieren, nimmt beispielsweise in New York neue Dimensionen an. Trends, die aus der Gesellschaft kommen: Schnelllebigkeit geht vor Gründlichkeit. Rücksichtslosigkeit ersetzt Fürsorge. Oberflächliches zählt mehr als Tiefgründiges. Ein Fußballspiel in Ruhe über 90 Minuten auf seinem Platz verfolgen? Das geht in Zeiten der Selbstdarstellung bei der WM 2026 nicht mehr. Für Traditionalisten ist das leider ein Albtraum.

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