Amiri wartet auf seine Chance. © HASSENSTEIN/AFP
Besondere Verbindung: Amiri (l.) und Nagelsmann. © KUDRYAVTSEV/AFP
Winston-Salem – Wer wissen will, wie viel Nadiem Amiri diese WM bedeutet, muss sich nur eine aktuelle ZDF-Doku anschauen, in der dem Mittelfeldspieler die Tränen kamen, nachdem er nominiert wurde. Was seine besondere Beziehung zu Julian Nagelsmann ausmacht, erklärt Amiri im Interview.
Herr Amiri, wie aufgeregt waren Sie vor der Nominierung? Konnten Sie das Handy überhaupt aus der Hand legen?
Ich war natürlich extrem nervös und hab noch nie so viel aufs Handy geschaut, es war durchgehend auf laut. Bei jedem Anruf, der reinkam, dachte ich: Das ist Julian! Man hofft einfach, dass dieser Traum wahr wird. Und je länger es gedauert hat, desto schlimmer wurde es. Als der Anruf dann endlich kam, war das pure Erleichterung.
Mit Julian Nagelsmann verbindet Sie eine besondere Geschichte. Wie würden Sie Ihr Verhältnis beschreiben?
Wir hatten schon in Hoffenheim eine besondere Beziehung. Er hat mich aus Ludwigshafen geholt und dann in der U 19 trainiert. Wir wurden gemeinsam Deutscher Meister, im Finale habe ich damals sogar zweimal getroffen. Wenn man solche Erlebnisse schon in jungen Jahren miteinander teilt, entsteht eine besondere Bindung.
Wie hat sich Ihr Verhältnis über die Jahre entwickelt?
In all der Zeit sind wir immer in Kontakt geblieben. Es gab Phasen, in denen wir telefoniert haben, wenn ich Rat gebraucht habe oder wenn es sportlich mal nicht so lief. Julian ist für mich wie ein Ziehvater im Fußball.
Wie viel haben Sie ihm zu verdanken?
Natürlich bin ich ihm dankbar. Aber im Fußball ist es immer ein Geben und Nehmen. Ein Trainer kann dir die Chance geben, nutzen musst du sie selbst. Auf dem Platz musst du deine Leistung bringen. Ich habe meine Chancen genutzt.
Auch in schwierigen Zeiten?
Ja. Als in Leverkusen die erste große Delle meiner Karriere kam, haben wir viel gesprochen. Er hat immer gesagt: Gib weiter Gas, hab Geduld und überstürze nichts. Das war ein wichtiger Rat. Wenn sich eine Tür schließt, geht irgendwann eine andere auf. Dann musst du bereit sein, durchzugehen.
Wie hat sich Nagelsmann seitdem verändert?
Eigentlich gar nicht so sehr. Seine fachliche Kompetenz war schon damals außergewöhnlich und ist heute Weltklasse. Was er über Fußball weiß und wie er über das Spiel denkt, gehört zum Besten, was ich je erlebt habe.
Und wie haben Sie sich selbst verändert?
Ich bin deutlich ruhiger geworden und kann viel besser mit meinen Emotionen umgehen. Früher bin ich häufiger überdreht und war viel emotionaler. Heute kann ich Situationen besser einschätzen und weiß, wann ich ins Risiko gehen kann und wann ich klar bleiben muss. Das kommt mit der Erfahrung.
INTERVIEW: V. TSCHIRPKE, M. BONKE