Neuer ist entspannt – rechts: Sané und Nagelsmann. © Hassenstein/AFP, Weller/dpa
Muskelspiele: Schlotterbeck & Co. haben hohe Ziele. © Xiao, Weller/dpa
Winston-Salem – 2018 kam Manuel Neuer auch zwischen erstem und zweitem WM-Spiel zur Pressekonferenz. Vor acht Jahren im russischen Team-Standort Watutinki war ihm die Alarmstimmung anzumerken. Der Beginn verzögerte sich um mehr als eine Stunde, denn die deutsche Mannschaft steckte in einer internen Sitzung, hinter der jede Terminplanung zurückstehen musste. In Neuers Analysen gab es keine diplomatische Formel, jedes Wort verkündete Dringlichkeit. Hinter dem Team lag nicht nur eine durchwachsene WM-Vorbereitung, sondern ein misslungenes Auftaktspiel, das 0:1 gegen Mexiko. Dazu wirkten die internen Verstimmungen um Mesut Özil und Ilkay Gündogan wegen der Erdogan-Trikot-Affäre ins Turnier hinein.
2026 kommt Neuer sogar zwanzig Minuten früher als avisiert. Er hatte sich nicht vom Fahrdienst bringen lassen, sondern den Weg mit dem Gravelbike zurückgelegt. Mehr Gelassenheit hätte er nicht ausstrahlen können. Sein Schlüsselsatz: „Wir haben es in der eigenen Hand.“ Bei den letzten beiden Welt-Turnieren war das nicht der Fall. 2018 und auch 2022 nach dem 1:2 gegen Japan und dem Theater um Protestgesten gegen die Fifa (und auch ein bisschen den Ausrichter Katar) durfte in den zweiten Spielen (Schweden, Spanien) nichts mehr schiefgehen. Damals hätte Deutschland nach zwei Spieltagen am Ende sein können. 2026 ist es dank des 7:1-Sieges gegen Curacao möglich, sich mit einem Sieg am Samstag (22 Uhr, ZDF und MagentaTV) in Toronto für die K.o.-Runde zu qualifizieren. Die ist nur ein Sechzehntel-, nicht ein Achtelfinale – doch egal: Man nimmt gerne, was bis auf Manuel Neuer noch keiner im Kader erlebt hat: das Überstehen der WM-Vorrunde.
Persönlich arbeitet Neuer auch an einem Stück Geschichtsschreibung: Bislang haben es lediglich drei Torhüter (Brasiliens Gilmar und Castilho sowie Italiens Guido Masetti) geschafft, zweimal Weltmeister zu werden. „Wenn ich nicht die Chance sähe, säße ich nicht hier“, erklärte er diesbezüglich. In der Wahrnehmung internationaler Medien ist es auch so, dass Deutschland den Ruf zurückgewinnen will, eine Turniermannschaft zu sein, das Wir-sind-Deutschland-Bewusstsein. Man hat, das spürt Neuer, keine Mannschaft, für die der Titel so zwingend ein Ziel sein muss wie vor zwölf Jahren in Brasilien, doch er nimmt eine Ausgewogenheit wahr „zwischen junger Dynamik und Erfahrung“.
Nur an Leroy Sané scheiden sich – mal wieder – die Geister. Als erste Alternative stünde Jamie Leweling bereit. Eine weitere Option wäre Maximilian Beier, den Julian Nagelsmann aber vor allem als Konterstürmer sieht. Der Bundestrainer könnte außerdem Deniz Undav ins Team nehmen und Zehner Jamal Musiala verschieben.
Gegen die Elfenbeinküste, die übers Tempo kommt (Verteidiger Antonio Rüdiger: „Die haben D-Züge“), müsse man, so Neuer, „die Flüchtigkeitsfehler abstellen und die richtige Höhe in der Restverteidigung einhalten“. Über dieses zweite Spiel hinausblicken will er nicht. Selbst als Gruppenerster könnte die DFB-Auswahl bald auf einen ganz Großen treffen. Neuer: „Über Frankreich reden wir nicht.“ Er schwingt sich aufs Rad und nimmt eine leichte Anhöhe.GÜNTER KLEIN