DAS WM-TAGEBUCH

Besuch bei der alten Dame

von Redaktion

Von Günter Klein

Wenn man schon mal in Toronto ist: Besuch bei der Familie meiner Frau. Vor allem: bei Schwiegermutter Cecilia. Vergangene Woche wurde sie 97, seit einigen Monaten lebt sie in einem Seniorenheim. Sie geht am Rollator, aber in Joggingschuhen, sie ist flott unterwegs. Vor jedem Zimmer steht eine Vitrine mit Spuren aus dem Leben des Bewohners. Bei ihr: ein Brief von Justin Trudeau zum 95. und ein Foto ihrer Schwester, die Musikerin war und auch über 90 wurde. Cecilia wurde 1929 geboren; da gab es noch nicht mal eine Fußballweltmeisterschaft. Sie kam in Grenoble zur Welt, lebte als Kind in Spanien, ihre Familie floh vor der Franco-Diktatur nach Moskau. Sie gilt als Holocaust-Überlebende. Sie überlebte Stalin, die Sowjetunion, zweimal Corona. Sie war Professorin für französische Didaktik, ihr Bruder Sportjournalist, er gründete das Eishockey-Turnier um den Iswestija-Cup. Als Cecilia in den 90er-Jahren nach Kanada emigrierte, lernte sie Englisch. In Toronto handelte sie mit Antiquitäten, schrieb Gedichte, schickte sie an Zeitungen – und gewann einen Literaturförderpreis. Sie hat Witz: Als ich sie vor 30 Jahren besuchte, wir im Aufzug standen und ein junger Mitbewohner sich noch mit seinem Fahrrad in die Kabine zwängte, sagte sie zu ihm: „Come in with your horse.“ Jetzt im Seniorenheim sagte sie zu den anderen, als ich neben ihr über den Flur ging: „This is my boyfriend.“ Das Heim, in dem sie untergekommen ist: ein Muster für den Umgang mit den Alten. Staatlich finanziert, es wird geforscht, es gibt genügend Personal, man wird auf Trab gehalten. Und man ist offen für die Welt: Das Heim feiert gerade den „Pride Month“. Ich habe ihr zum Abschied versprochen: Zum 100. Geburtstag kommen wir.

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