Nathaniel Brown (Deutschland, l) und Amad Diallo (Elfenbeinküste) kämpfen um den Ball. © Chri. Charisius/dpa
Brown und Wirtz können Kessié nicht bremsen. © Cianflone/AFP
Diomande flankt, Kimmich kann es nicht verhindern – schon steht es 0:1. © Charisius/ Woitas/dpa, Lindenthaler/ Imago
Ein Ritt auf der Rasierklinge war das 2:1 der DFB-Elf gegen die Elfenbeinküste. Danach: Ekstase bei den Fans. Und nachdenkliche Stimmungslage bei 1974er-Weltmeister Paul Breitner. Denn der blickt als Experte tiefer ins Geschehen – und hat noch einige Zweifel beim deutschen Team. Das Interview:
Herr Breitner, 90 Minuten, eine kleine Achterbahn der Gefühle – Ihr Fazit?
Ich habe nach Abpfiff einmal glücklich durchgeschnauft, weil Julian Nagelsmann mit den drei Wechseln in der 60. Minute eklatante Fehler korrigiert hat. Zum einen, Joshua Kimmich rechts hinten drin stehen zu lassen, zum anderen Leroy Sané nicht schon in der 30. Minute auszuwechseln.
Das ist ein klares Urteil!
Wer das Spiel gesehen hat, kann nur zu diesem Urteil kommen. Kimmich war gerade in der ersten Halbzeit für nahezu jeden Angriff der Elfenbeinküste verantwortlich, immer wieder wurde es über seine Seite brandgefährlich. Ich habe wirklich kein Verständnis, dass ich – wenn ich sehe, welch schnelle Spieler beim Gegner auf den Flügeln spielen –, Kimmich da hinten in den Raum stelle. Er kann von der Schnelligkeit her nicht ansatzweise mit Diomande mithalten und macht auch noch Stellungsfehler, sodass er immer hinterherläuft oder sich ins defensive Mittelfeld schieben lässt. In den ersten 45 Minuten war das das Auffälligste.
Neben der fehlenden Torgefahr von Leroy Sané?
Julian Nagelsmann musste sehen, dass es mit ihm nicht geht. Für mich macht es keinen Sinn, auf Teufel komm raus mit einem Linksfuß auf der rechten Seite zu beginnen, weil wir da in Arjen Robben und Michael Olise die Typen haben, denen Leroy Sané nacheifert. Er kann das aber im Moment nicht! Das war im ersten Spiel schon sichtbar, das war in den letzten Wochen in der Liga sichtbar. Er hat nicht die Form für eine WM! Dass er ausgewechselt wurde, war überfällig. Und gut war, dass die Elfenbeinküste zum Zeitpunkt der Wechsel Schritt für Schritt einen Gang zurückschalten musste, weil allmählich die Kraft fehlte.
Darf Deniz Undav jetzt Ansprüche anmelden?
Er wird sicherlich Ansprüche anmelden – oder aber die Öffentlichkeit debattiert. Aber ich muss sagen, wenn man so jemanden in der Hinterhand hat als Joker, der keine Sekunde braucht, um sich ins Spiel einzufinden, von dem du sofort merkst, dass er den Biss hat, ohne zu übertreiben oder hektisch zu werden, ist das schon Gold wert. Er will, er bietet sich an über die richtigen Bewegungen, die richtigen Sprints. Der geht in die Löcher rein. Es ist doch gar nicht schlecht, wenn man sagt: Das ist der perfekte Joker! Wobei ich mir sicher bin, dass die WM noch den einen oder anderen Positionswechsel bringen wird. Wir sollten nicht davon ausgehen, dass diese Mannschaft bis zum Endspiel durchspielt.
Sie reden vom Endspiel?
Wenn ich nicht absolut überzeugter Optimist wäre, würde ich nicht hier stehen. Dann wäre ich nämlich 1974 nicht Weltmeister geworden. Dazu stelle ich die Frage: Warum sollten wir uns nicht mit einer Steigerung Schritt für Schritt eine Runde weiterbringen? Wenn wir hier und da den einen oder anderen Fehler korrigieren und eine Schraube nach der anderen anziehen, während wir andere lockern, sehe ich Chancen. Und dafür ist ja diese Vorrunde perfekt! Jetzt kann Nagelsmann gegen Ecuador etwas testen, Undav vielleicht doch anfangen lassen. Dieses dritte Spiel ist ideal.
Man steht das erste Mal seit dem Finale 2014 in einem WM-K.o.-Spiel. Was bewirkt das im Kopf?
Das ist ein Brustlöser. Das muss doch Feuer entfachen bei den Spielern! Und das wird es auch. Dazu kommt das Bewusstsein: Hallo! Wir sind auch fit! Wir können trotz dieser langen Saison jederzeit ein, zwei Gänge nach oben schalten. Wie die letzten zehn, 20 Minuten die Post abging, das war schon stark.
Es wird wohl ohne Schlotterbeck gehen müssen…
Für mich spielt es keine Rolle, ob da hinten jetzt Jonathan Tah und Nico Schlotterbeck oder Antonio Rüdiger spielt. Schlotterbeck ist vielleicht der feinere Techniker, von der Qualität aber ist es absolut egal. Außerdem denken Gegner sicherlich weniger an die Innenverteidigung als an die Außen. Es weiß jetzt jeder, dass die Schwachstellen der Deutschen hinten rechts und hinten links sind. Denn wir dürfen auch nicht vergessen, dass dieses Spiel eine Lehrstunde für Nathaniel Brown war. Ich hoffe, eine Lehrstunde, aus der er viel lernt. Die Kernfragen bei der Nachbetrachtung: Was habe ich da alles falsch gemacht? Wo bin ich gestanden? Wie unbeholfen bin ich in Zweikämpfe gegangen? Da ist viel Luft nach oben.
Eine weitere Änderung an der Startelf?
Es ist doch nicht die erste WM, bei der wir in der Vorrunde nach der idealen Elf suchen. Was ich mir wünschen würde, wäre, in der Abwehr und im defensiven Mittelfeld das Thema Antizipation anzugehen: früh genug den Aufbau eines gegnerischen Angriffs zu erkennen, um dann sofort Räume dichtzumachen. Und auch in den Sprints nicht erst zu kommen, wenn der Gegner schon in höchstem Tempo auf mich zuläuft. Das und die Erkenntnisse zu Kimmich und Sané sollten uns weiterbringen.
INTERVIEW: HANNA RAIF