„Sieg der Emotionen: Undav schießt DFB-Elf in K.-o.-Runde“) © Tom Weller/dpa
Er kam, sah und traf: Undav, hier beim 1:1 gegen die Elfenbeinküste, entwickelt sich zu Deutschlands Super-Joker. © Weller/ Charisius/dpa
Völlig losgelöst: Die DFB-Stars stürzen sich auf Deutschlands Matchwinner Deniz Undav (li.). © Jan Woitas
Toronto – Aus den Stadionboxen dröhnte der Ballermann-Hit „Der Zug hat keine Bremsen“ und die deutsche Nationalmannschaft drehte nach dem 2:1 (0:1) gegen die Elfenbeinküste eine Ehrenrunde vor der Fankurve. Manuel Neuer übernahm tanzend das Kommando und führte gemeinsam mit Kapitän Joshua Kimmich den Triumph-Marsch von Toronto an. Nach dem Last-Minute-Sieg durch einen Doppelpack des eingewechselten Deniz Undav (68. und 90.+4 Minuten) war die Laune bei den Nationalspielern bestens. Immerhin hatte das Team einen 0:1-Rückstand gedreht – und ganz nebenbei durch das 0:0 zwischen Ecuador und Curacao den Gruppensieg fix gemacht.
Als Undav in der Nachspielzeit in bester Gerd-Müller-Manier den Siegtreffer erzielt hatte, brachen beim DFB alle Dämme: Alle Spieler bildeten eine Jubeltraube um den Doppeltorschützen, auf der Trainerbank lagen sich Nagelsmann und seine Assistenten in den Armen und auf der Tribüne klatschte die DFB-Führungsriege ab. War das die erhoffte WM-Explosion auf dem Weg zum Titel?
„Wir sind mit Rückschlägen gut umgegangen“, sagte Bundestrainer Julian Nagelsmann und stellte aber auch klar: „Wir brauchen nicht von Weltspitze zu sprechen. Vor drei Wochen war ja noch alles in Schutt und Asche.“ Abwehrspieler Jonathan Tah ergänzte: „Siegermentalität, Teamgeist, genau das, was man braucht, um in einem Turnier erfolgreich zu sein. Wir haben nie aufgegeben.“
Was die Protagonisten auf und neben dem Platz in dieser Euphorie vergessen hatten: Die Elfenbeinküste hätte Deutschland beinahe zum Stolpern gebracht.
Unmittelbar nach Wiederanpfiff wackelte die DFB-Elf bedenklich und hatte Glück, dass sie nicht einen zweiten Gegentreffer kassierte. Das Mittelfeld-Duo um Felix Nmecha und Aleksandar Pavlovic ließ im Zentrum große Lücken klaffen und in der Offensive waren Leroy Sané, Jamal Musiala, Florian Wirtz und Kai Havertz zu harmlos. Ansonsten brachten die Einwechselspieler Undav, Nadiem Amiri und Jamie Leweling – rein von ihren Namen her – nicht unbedingt Glamourfaktor auf den Rasen.
Doch das Trio belehrte vorlaute Kritiker eines Besseren. Immerhin war es Amiri, der mit einer perfekten Flanke auf Undav den Dosenöffner gegen die tief stehenden Ivorer fand. „Es war emotional. Jeder Spieler hat heute seine Wertigkeit gespürt. Die Gruppe hat sich den Sieg erarbeitet. Am Ende war es sehr offen, aber das ist normal, wir wollten gewinnen“, zeigte sich der Bundestrainer glücklich über sein goldenes Händchen bei den Wechseln.
„Wenn du Spieler einwechselst, die das Spiel entscheiden, kriegen auch die anderen mit, dass sie dranbleiben sollen. Das tut gut, weil alle ihre Wertigkeit spüren“, erklärte der 38-jährige Nationaltrainer und erinnerte abermals an die Jubelszene, als die komplette Bank aufsprang und sich die gesamte Mannschaft am Ende an der Eckfahne in den Armen lag: „Das kann schon Kräfte freisetzen!“MANUEL BONKE, VINZENT TSCHIRPKE