2000 Kilometer fürs K.o.-Ticket

von Redaktion

Roadtrip unserer Reporter

IndyCar statt Fußball läuft im Hofbräuhaus in Cleveland im TV (u.). Immerhin: Das Schnitzel schmeckt okay.

Das Diner ist top, die Stimmung finden Vinzent Tschirpke (li.) und Manuel Bonke eher mau.

Zum Start in Winston-Salem eine Tornado-Warnung, danach reichlich Natur auf dem langen Weg nach Toronto.

Deutsch-ivorische Fankultur am Wasserfall.

Trump-Land: Im amerikanischen Nirgendwo hat der US-Präsident seine unerschütterliche Fan-Basis. © bok, vt

Toronto – Als die Idee aufkam, schossen uns natürlich ein paar Fragen durch den Kopf: ein Roadtrip durch die USA bis nach Kanada, von Winston-Salem nach Toronto? Dauert das nicht ewig? Und vor allem: Ja, warum eigentlich nicht?

Also: rein ins Auto, vom Basecamp der deutschen Nationalelf in North Carolina bis in die kanadische Metropole, wo die DFB-Elf am Samstag ihr zweites WM-Gruppenspiel absolvierte. Aus der WM der langen Flüge wird die WM der langen Autofahrten.

Geplant sind zwei Tage, um auf dem Weg ein paar Stopps einlegen zu können und herauszufinden, ob die USA außerhalb der durchgeplanten Stadien und Fan-Feste überhaupt so etwas wie WM-Stimmung kennen. Los ging es am Donnerstag in Winston-Salem. Hier trainiert die Nationalelf regelmäßig bei Temperaturen von über 30 Grad, abends ziehen häufig Gewitter auf. Als wir das Navi einstellen, ploppt eine Tornadowarnung auf.

Rund 1200 Kilometer sind es je Strecke, auf dem Weg gibt es also einiges zu entdecken. Hinweise auf eine Fußball-WM im Land, immerhin das weltweit größte Sportereignis, sucht man dabei lange vergeblich. Während daheim viele Fans ihr Auto mit Deutschland-Fähnchen schmücken, dauert es hier vier Stunden, bis der erste Truck-Fahrer im USA-Trikot vorbeifährt. Beim Tanken erklärt uns dann ein Amerikaner: „Seit Messi hier spielt, schaue ich viel mehr Soccer. Er ist viel besser als Ronaldo!“

Ansonsten bewerben die Schilder am Fahrbahnrand nur Anwälte, die den eigenen Arbeitgeber auf eine üppige Entschädigung verklagen wollen – wofür, ist erst mal zweitrangig. Um dieses eigenartige Land besser zu verstehen, muss man wohl in ein typisches Diner gehen. In „Dolly’s Diner“ wird schwarzer Kaffee in Endlosschleife nachgeschüttet, es gibt Waffeln, Bacon und grundsätzlich nichts unter 1000 Kalorien. Dorthin kommen Menschen, die nicht zum Zielpublikum der WM-Spiele in den Großstädten gehören.

Über Fußball wird hier nicht gesprochen, obwohl gerade der Nachbar Kanada gegen Katar spielt. Doch zum Desinteresse passt auch die Umgebung: Wo man in Deutschland zwischen einzelnen Dörfern Fußballplätze sieht, stehen in den USA Kirchen, Schrottplätze und Tankstellen. Außer einer 267 Meter hohen Bogenbrücke gibt es kaum Sehenswürdigkeiten. Schnell weiter nach Cleveland, wo wir endlich Fußball schauen wollen.

Dafür haben wir uns den perfekten Ort ausgesucht: das Hofbräuhaus! In der Stadt am Lake Erie gibt es tatsächlich einen Ableger des Münchner Wirtshauses, er zieht aber deutlich weniger Menschen an. Ganze acht Gäste sitzen in der großen Halle, die WM-Spiele laufen nur auf einem kleinen Fernseher – während auf der riesigen Leinwand IndyCar übertragen wird. Auch die Musik erinnert eher an den Ballermann als an ein bayerisches Festzelt, immerhin schmeckt das Schnitzel okay. „An Weihnachten und während des Oktoberfests ist hier deutlich mehr los“, erklärt uns die Kellnerin – dann ist aber auch die WM vorbei.

In der Hotellobby treffen wir ein texanisches Ehepaar, das uns spontan auf die Hochzeit seiner Nichte einlädt und uns das amerikanische Fußballinteresse erklärt. Football, Baseball, Basketball und Eishockey seien hier wichtiger, erst dann komme Soccer. Einen „amerikanischen“ Spieler kennen sie aber: „Dieser David Beckham, spielt der nicht für die USA? Der lebt doch in Miami.“ Am nächsten Morgen folgen dann erste Trikotbeobachtungen an den Niagara-Fällen. Zahlreiche Fans aus Toronto besichtigen das Wahrzeichen. Wir treffen ein deutsch-ivorisches Paar, das in den Trikots seiner jeweiligen Nationalmannschaften unterwegs ist – sie im Deutschland-, er im Trikot der Elfenbeinküste.

Anschließend erfolgt die Überfahrt nach Kanada, wo einem auf einmal vieles bekannter vorkommt: Anstatt Meilen wird in Kilometern gerechnet, in Torontos Innenstadt gibt es Fuß- und Fahrradwege, die man in den USA vergeblich sucht. Und: Nach 1200 Kilometern trifft man tatsächlich echte Fußballfans. Und zwar nicht nur deutsche, die ins Stadion wollen. Selbst eine ältere Dame spricht uns vor der Rückfahrt am Sonntag an und erklärt, dass Alphonso Davies aktuell seiner Form hinterherlaufe. Unser Roadtrip-Fazit? Echte Fußballexpertise gibt es in Kanada, das bessere Frühstück dafür im US-Diner.V. TSCHIRPKE, M. BONKE

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