Die Geschichte ist so gut, dass sie bei keinem Großereignis fehlen darf und verlässlich neuen Stoff bietet. Und wie man sie bis zum Happy End führt, weiß einer der Größten seines Fachs ganz genau. Inzwischen ist Otto Rehhagel 87 Jahre alt, aber er wird trotzdem hinschauen, wenn es am Samstagmorgen um 2 Uhr zum Gruppenfinale in der Gruppe H kommt. Im Fokus: die Partie Kap Verde gegen Saudi-Arabien, verbunden mit der Hoffnung, die der griechische Sensations-Europameister von 2004 nicht alleine hat. Denn irgendwie drückt doch ab sofort jeder dem 525.000-Einwohner-Land und Weltranglisten-63. die Daumen. Wir sind Kap Verde!
Schon die Nullnummer gegen Spanien und der Social-Media-Irrsinn um den inzwischen bei mehr als 15 Millionen Instagram-Followern stehenden Keeper Vozinha waren sensationell. Nach dem 2:2 gegen Uruguay nun ist der Hype um die „blauen Haie“ so groß, dass alles andere als der Einzug in die K.o.-Runde kollektive Enttäuschung auslösen würde. Das Aus der Türkei, die Debatte um die alternden Astral-Beine von Cristiano Ronaldo: All das bekommt man mit. Aber sieht man elf Mann mit jeder Faser des Körpers kämpfen, bewegt es doch mehr. Selbst die Dauer-Kritiker der Mammut-WM mit XXL-Vorrunde müssen doch zugeben, was offensichtlich ist: In Zeiten welt- und fußballpolitisch schwerer Rahmenbedingungen machen WM-Märchen noch mehr Spaß.
Noch ist für Kap Verde ein Schritt zu gehen, aber prominente Vorbilder hat Trainer „Bubista“ genug. Marokko als erstes afrikanisches Land im Halbfinale bei der WM 2022 zum Beispiel, genauso überraschend wie der Vorstoß in die Vorschlussrunde, den Gastgeber Südkorea 20 Jahre zuvor hingelegt hat. 2014, Costa Rica, da war auch was! Oder 1998, als Kroatien mit Davor Suker bei der WM-Premiere als unabhängige Nation Dritter wurde. Ist man einmal im Flow, lohnt es sich, ans Unmögliche zu glauben. Nicht nur als „König Otto“ übrigens, sondern auch im „echten“ Leben.