Beim Fußball wird gepfiffen. Immer schon. In Deutschland haben Stadiongänger ihre Technik aus Jugendtagen vor zwei Jahren verfeinert, als der Spanier Marc Cucurella sie mit seinem Handspiel verärgerte. Bei der Nations League 2025 zeigten die Deutschen, dass sie die wiedererlernte Kunst, einen schrillen Ton zu erzeugen, nicht verlernt haben. Bei der WM 2026 ging es mit dem Pfeifen gegen den ivorischen Torhüter Fofana weiter. Nach dem Geschmack der dem DFB zugeneigten Zuschauerschaft blieb er immer einen Tick zu lang am Boden liegen und wand sich eine Spur zu dramatisch in seinem Schmerz. Doch welch Glück, dass die Deutschland-Fans noch einen anderen Anlass fanden für die klassische Missfallensbekundung – und diese sich nicht gegen eine konkrete Person richtete: Ausgepfiffen wurde nämlich die Trinkpause, die es in jeder Spielhälfte gibt und „Hydration Break“ genannt wird. Der Verdacht steht im Raum, dass der Schutz der Spielergesundheit nur ein erfundener Grund ist und die Fifa den Fernsehanstalten zusätzliche Werbeverkaufsflächen verschafft.
Dass festgesetzte Pausen von drei Minuten ein ziemlicher Quatsch sind, wenn ein Stadion klimatisiert ist, es regnet oder ganz normale Temperaturen herrschen, ist rund um die bisherigen Partien hinreichend erläutert worden. Bei früheren Turnieren herrschten auch oft fordernde Bedingungen, und da hat der Schiedsrichter spontan mal eine Minute Pause angezeigt oder haben Spieler bei einer der vielen spielbedingten Unterbrechungen sich von der Bank schnell mal eine Pulle reichen lassen. Mit der für diese WM gültigen Regelung wird ein Fußballspiel in vier Viertel zerhackt; es hat was von Basketball.
In der Bundesliga würde sich Protest erheben wie gegen Investorenpläne. Es würden Tennisbälle auf die Plätze fliegen, mit drei Minuten Pause wäre es nicht getan. Zur WM nach Amerika reist niemand mit abgespielten Tennisbällen, Grundsatzfragen zur Entwicklung des Fußballs werden bei den Turnieren nicht verhandelt. Es lässt sich kein die Fanszene einigendes Anliegen finden, viele kommen schlicht zum Feiern, sie wollen nicht diskutieren.
Gegen Unsinn regt sich kein breiter Widerstand, das nutzt die Fifa aus. Und da sie die Herrin über die Bilder ist, die die Welt zu sehen bekommt, hält sie die Optik ihrer Veranstaltung rein. Auf akustischem Weg mitzuteilen, dass man nicht alles akzeptiert, ist legitim und wirkungsvoll. Und Fifa-Präsident Infantino, dem die Pfiffe letztlich gelten, hat sie mehr verdient als die Spieler.