„Insolvenz? Nicht steuerbar!“

von Redaktion

Experte Naumann erklärt, was den TSV 1860 und seine Fans jetzt erwartet

Insolvenzexperte Patric Naumann. © privat

Seit Dienstagabend ist es amtlich: Die KGaA des TSV 1860 ist insolvent gemeldet. Was bedeutet das konkret? Darüber haben wir mit Insolvenzexperte Patric Naumann (55) gesprochen.

Herr Naumann, was bedeutet der Gang zum Amtsgericht?

Zunächst erfüllt Geschäftsführer Manfred Paula nur seine gesetzliche Pflicht. Wenn kein Geld mehr da ist und keine Lösung gefunden wird, muss er den Insolvenzantrag stellen. Dann beginnt ein gesetzlich geregeltes Verfahren. Die entscheidende Frage ist: Gibt es noch eine realistische Sanierung oder benötigt man eine Auffanglösung? Die KGaA ist eine eigene Gesellschaft. Mit ihr bestehen sämtliche Verträge – also mit Spielern, Mitarbeitern und Sponsoren. Im Insolvenzverfahren kann ein Insolvenzverwalter diese Verträge beenden oder neu ordnen.

Bei 1860 gibt es seit Sonntag eine neue Spielbetriebs-GmbH unter dem Dach des e. V. Kann man die KGaA einfach insolvent gehen lassen und mit einer neuen Gesellschaft weitermachen?

Grundsätzlich ja. Eine neue Gesellschaft könnte den Spielbetrieb aus der Insolvenz übernehmen und notwendige Verträge fortführen. Aber das passiert nicht automatisch. Dies muss nach einem Insolvenzantrag vorbereitet und mit den Vertragspartnern vereinbart werden. Wegen des enormen Zeitdrucks wäre das ein sehr ambitioniertes Unterfangen.

Gäbe es für 1860 auch die Möglichkeit einer Insolvenz in Eigenverwaltung?

Bei einer Eigenverwaltung führt der Schuldner das Verfahren unter Aufsicht eines Sachwalters selbst weiter und versucht, sich aus eigener Kraft zu sanieren. Das macht man typischerweise dann, wenn noch Aussichten auf eine Sanierung bestehen. Wenn – wie bei 1860 – bereits eine Auffanglösung vorbereitet wird und kein neues Geld mehr zur Verfügung steht, erscheint eine klassische Sanierung in Eigenverwaltung eher unwahrscheinlich.

Die landläufige Meinung ist, ein Insolvenzverfahren sei vor allem dazu da, Unternehmen und Arbeitsplätze zu retten. Stimmt das?

Nein, eigentlich nicht. Der Hauptzweck eines Insolvenzverfahrens ist die Befriedigung der Gläubiger. Vereinfacht gesagt: Es soll möglichst viel Geld zusammengetragen und gerecht verteilt werden.

Warum bleiben dann trotzdem oft Unternehmen erhalten?

Weil die Erhaltung eines Unternehmens mit Arbeitsplätzen häufig wirtschaftlich die beste Lösung ist. Wenn ein Unternehmen weitergeführt wird, bringt das oft mehr Geld ein als eine Zerschlagung.

Rund vier Millionen Euro aus verkauften Dauerkarten hat die KGaA erhalten. Sind die Gelder verloren?

Das hängt davon ab, was mit dem Geld passiert ist. Liegt es auf einem Treuhandkonto oder gibt es andere Sicherungen? Ist das Geld aber bereits in den normalen Geschäftsbetrieb geflossen und nicht mehr getrennt vorhanden, dann werden die Dauerkarten-Inhaber zu normalen Insolvenzgläubigern.

Das heißt: Im schlimmsten Fall sehen die Fans ihr Geld nicht wieder?

Ja. Dieses Risiko besteht grundsätzlich bei jeder Vorauszahlung. Die Fans haben bei dem Ticketkauf auch auf eine künftige Leistung vorausgezahlt.

Auf Investorenseite wird die Vermutung geäußert, die Insolvenz sei möglicherweise bewusst herbeigeführt worden, um Hasan Ismaik loszuwerden. Kann man so etwas überhaupt beweisen?

Grundsätzlich kann eine Insolvenz auch strategisch eingesetzt werden. Aber hier fehlen die Fakten für eine belastbare Einschätzung.

Teile der e.V.-Seite bei 1860 feiern die Insolvenz. Kann es bei einer Insolvenz überhaupt Gewinner geben?

Ich bin da sehr vorsichtig. Ein Insolvenzverfahren entwickelt oft eine Eigendynamik. Es gibt viele Beteiligte und viele Interessen. Man kann einiges steuern, aber längst nicht alles.

Können Sie Hoffnung auf bessere Zeiten machen?

Meine Erfahrung ist: Eine Insolvenz bringt zunächst Enttäuschungen mit sich. Man muss Kompromisse eingehen und durch schwierige Monate. Aber am Ende findet man meistens einen neuen Ausgangspunkt. Vielleicht nicht jeder ist damit hundertprozentig glücklich. Doch irgendwann sagt man: Es war schmerzhaft, aber jetzt können wir wieder nach vorne schauen und uns auf das konzentrieren, worum es eigentlich geht – den Fußball.

INTERVIEW: ULI KELLNER

Artikel 1 von 11