Kein Handschlag: Spence (li.) und Partey. © Nick Potts/dpa
Sinnbild: Es ging nichts gegen Ghana – auch nicht, als Kane in der 86. Minute den Sieg auf dem Fuß hatte. © Weller/dpa
Foxborough – Der Beitrag auf Instagram war wichtig, für die ganze Nation. „Take the point to move on“ – „Wir nehmen den Punkt, um weiterzumachen“, schrieb Harry Kane in der Nacht zum Mittwoch auf Instagram unter eine kleine Bildergalerie, die diesen nicht ganz zufriedenstellenden Abend in Foxborough zusammenfasste. Ausgerechnet dort, wo er als NFL-Fan auf den Spuren von Legende Tom Brady wandeln wollte, ging absolut gar nichts zusammen für den sonst so treffsicheren Kapitän der „Three Lions“. Sinnbildlich für Kanes Auftritt beim 0:0 gegen das Abwehrbollwerk aus Ghana: die Szene in der 86. Minute, von der er nachts auch noch geträumt haben dürfte.
Der von Nico O‘Reilly an die Latte geschossene Ball war dem Bayern-Star eigentlich direkt vor die Füße gefallen, aber Kane kam nach eigenen Angaben „nicht richtig über den Ball“.
Etwas genauer analysierte Thomas Tuchel die verpasste Chance auf den Sieg: „Normalerweise macht er den. Er war nicht so involviert ins Spiel, wie wir es gerne gehabt hätten.“ 78,8 Prozent Ballbesitz verzeichnete sein Team, Kane allerdings kam auf historisch schlechte 19 Ballkontakte. Nach dem Doppelpack zum 4:2 gegen Kroatien ein Dämpfer, persönlich, für die gesamte Nation. Immerhin geht England dennoch als Gruppenerster in den abschließenden Spieltag und ist zudem klarer Favorit gegen Panama.
Man ist kollektiv bemüht, keine Zweifel aufkommen zu lassen. Auf eine entsprechende Nachfrage nach der Abhängigkeit von Kane entgegnete Tuchel genervt: „Verlässt Argentinien sich zu sehr auf Messi und Frankreich zu sehr auf Kylian Mbappé?“ Die Diagnose für den Auftritt hatte Jude Bellingham woanders ausgemacht: Es sei „so eine Art Zweites-Spiel-Fieber, bei uns läuft es immer gleich“, sagte er mit Blick auf die letzten drei (!) Turniere, bei denen nach einem Auftaktsieg ein Remis folgte. Danach ging es bei der WM 2022 bis ins Viertelfinale, bei beiden EUROs ins Endspiel.
In diesem Jahr soll der erste WM-Titel seit 60 Jahren her, darin ist die Nation sich einig. Daher ist das Bemühen auch groß, alle Nebenschauplätze auszublenden. Dass Ghanas Trainer Carlos Queiroz dem Videoschiedsrichter nach fehlendem Eingreifen bei einer kniffligen Szene in der 80. Minute eine kulinarische Pause unterstellte und sagte: „Wieder einmal hat der VAR einen Kaffee getrunken.“ Nur für den Moment ein Aufreger. Genau wie der verweigerte Handschlag von Verteidiger Djed Spence an Ghana-Star Thomas Partey, der Vergewaltigungsvorwürfen ausgesetzt ist.
Bellingham versicherte nach dem Gang in die Kabine: „Keine Sorgen, kein Stress, absolut kein Drama da drinnen.“ Und Panama ist gewarnt – denn Kane kommt mit besonderer Bilanz daher. Zwei seiner vier Dreierpacks der abgelaufenen Bundesliga-Saison gelangen dem 32-Jährigen nach einem Spiel, in dem er nicht getroffen hatte. Also: „Take the point and move on.“HANNA RAIF