Der berühmte Wiege-Jubel: Mazinho, Neu-Papa Bebeto und Romario 1994. © IMAGO
Alles für Praise: Weil Doku seine Shireen (li.) bei der Geburt unterstützte, kritisierte ihn Moderatorin Pierron (oben). © Havana/dpa/insta
Vancouver – Jeremy Doku war live dabei. Die Geburt seines ersten Sohnes Praise ließ sich der belgische Nationalspieler trotz Weltmeisterschaft nicht entgehen, flog extra von der US-Westküste zu seiner Frau nach London. Der Brasilianer Bebeto hatte dieses Glück 32 Jahre vorher bei der Geburt seines Sohnes Mattheus nicht.
Stundenlang wartete er im brasilianischen Teamcamp der ersten WM in den USA auf den erlösenden Anruf, dass alles gutgegangen sei. Der Anruf kam, Bebeto war erleichtert und bejubelte sein Tor beim Viertelfinalsieg gegen die Niederlande mit der ikonischen Wiege-Geste. „Ich habe in meiner Karriere viele Tore geschossen – Traumtore, Tore, die Titel gebracht haben –, aber alle erinnern sich nur an das Mattheus-Tor“, sagt der heute 62-Jährige im Interview der Fifa. Doku und Bebeto – das sind nur zwei Beispiele von unzähligen in der Geschichte des Fußballs. Sie zeigen jedoch stellvertretend, wie sich der Umgang des Sports mit dem Thema verändert hat.
Als die französische TV-Moderatorin France Pierron Doku für seine Reisepläne kritisierte, bekam sie das schnell zu spüren – unter anderem mit beruflichen Konsequenzen. In der Ausgabe der Sendung „L’Équipe de Choc“ zum Wochenstart fehlte sie. „Du willst all das verlassen, um bei der Geburt deines Kindes dabei zu sein, die ein ekelhafter Moment ist, Verzeihung, wo der Papa zu nichts gut ist und eine Nebenrolle hat“, hatte Pierron mit Blick auf die WM in Richtung Doku gesagt. „L’Équipe“ distanzierte sich davon und bat Doku und das Publikum um Entschuldigung. Zuvor hatte der Angreifer von Manchester City bereits breiten Zuspruch erhalten – vom belgischen Verband und von anderen Fußballern.
Der deutsche Nationalspieler Nadiem Amiri drückte als Vater Verständnis für Dokus Anliegen aus. „Ich habe das auch mitbekommen. Ich habe gar kein Verständnis dafür, dass er kritisiert wird für so etwas“, sagte der 29-Jährige. „Alle, die Eltern sind, die Papa sind, wissen, was für ein besonderer Moment das ist. Für die Geburt seines ersten Kindes muss er da hingehen“, erklärte Amiri, der selbst zwei Söhne hat. Belgiens Kapitän Youri Tielemans, der Doku per Textnachricht gratulierte, erklärte: „Ich finde, ein Kind zu haben, ist das Schönste, was man sich auf der Welt wünschen kann, und dabei zu sein, ist als Vater – und natürlich auch als Mutter – mehr als selbstverständlich.“
Spieler, die bei der Geburt ihrer Kinder dabei sind, gab es auch schon vor 40 Jahren. Es war aber deutlich weniger üblich als heute – und deutlich weniger akzeptiert. Das zeigt auch das berühmte Beispiel des Engländers Martin Allen. Der Spieler der Queens Park Rangers wurde 1989 mit einer Strafe in Höhe seines Gehalts von zwei Wochen belegt, weil er wegen der Geburt seines Sohnes ein Spiel verpasste.
Der andere Umgang des Fußballs mit dem Thema spiegelt die Entwicklung in der Gesellschaft wider. Allgemein hat sich die Vaterrolle verändert. In mindestens einem Punkt hinkt der Fußball hinterher. Dass Väter Elternzeit nehmen, um sich um den Nachwuchs zu kümmern, ist heute für viele von ihnen mit den unterschiedlichsten Berufen deutlich üblicher als früher. Im Fußball sieht das anders aus.