Sein letzter Job: Nationaltrainer von Südkorea. © AFP
New York – Einen Rest Vorsicht lässt Jürgen Klinsmann noch walten. Ob das hier die größte WM sein wird, die die Welt je gesehen hat? „Das kann man dann in ein paar Wochen sagen“, verschiebt er das Thema, „aber ich bin happy, dass sie so gut angefangen hat.“ Er zählt auf: Die großen Nationen sind da. Die alten Stars liefern. Klinsmann ist zu Gast im Deutschen Haus in New York. Es ist sein erster Besuch nach schon fast zwei Wochen WM-Betrieb, obwohl er Botschafter der Einrichtung ist. Eineinhalb Stunden ist er da: Happy sein, lächeln, Autogramme geben, Selfies gestatten.
Jürgen Klinsmann ist so etwas wie das Inventar der WM geworden. 1990, 94 und 98 als Spieler. 2006 war er schon ins Fach des Bundestrainers gewechselt. 2014 coachte er das US-Team. Doch auch bei allen anderen Turnieren fand er eine Rolle. Er kann sich auf einen alten Freund verlassen: Arsene Wenger. Ein Jahr lang (1992/93), bei der AS Monaco, war Klinsmann von Wenger trainiert worden, er wollte den Franzosen später zum FC Bayern lotsen. Nun holt Wenger ihn bei jeder Gelegenheit in die „Technical Study Group“ der Fifa. Die TSG ist ein Debattiergremium ehemaliger Spieler, aus denen nicht so sehr gefragte Trainer wurden. In Katar fand er es toll, dass er 33 von 64 Spielen sehen durfte. Er war ein Fan mit einer Aufgabe. In den USA hat er deutlich weniger Stadionerlebnisse, doch er gewinnt der Zahl an 104 Spielen nur Positives ab: „Da kann man wirklich analysieren, auf was die Trainer abzielen.“ Zwischenstand: „Mehr Weitschüsse von außerhalb des Strafraums.“
Klinsmann freut sich, „dass endlich wieder viele deutsche Fans bei der WM sind. Das war in Russland und Katar nicht der Fall.“ Es klingt wie ein Vorwurf, dass sie wegblieben. Vor gut zwei Wochen hatte er einen verstörenden Auftritt in der ARD-Talkshow „Maischberger“. Er appellierte, die Mannschaften sollten politische Äußerungen unterlassen, das gehöre sich gegenüber den WM-Gastgebern nicht. Und überhaupt: Für die Vorwürfe gegen Katar habe es „keine Beweise“ gegeben. Tatsächlich gab es massenhaft Belege über Missachtung von Menschenrechten und Minderheiten, über Todesfälle auf Baustellen. Aber Klinsmann hatte Katar gelobt. Jetzt lobt er die USA (mit Kanada und Mexiko). Er wird weitere WM-Ausrichter loben. Teil jeder WM zu sein, ist sein Geschäftsmodell.GÜNTER KLEIN