Sprechen Sie auch Fußball?

von Redaktion

„Aura“, „eklig“, „Restverteidigung“ – die WM hat eine eigene Sprache

„Die Mannschaft“ war gestern: Heute sagt man „Gruppe“. © Charisius/dpa

Mr. Aura? Diallo ließ sich von Neuers Ausstrahlung nicht stören. © Charisius/dpa

„Kampfstark“ ist man auch nicht mehr. Bosnien ist „eklig“. © Fernandez/dpa

Spiel gedreht? Spiel gezogen. Wie Cap Verde gegen Uruguay. „Überragend“ hingegen sind nicht nur Torschützen wie Undav. © Sladky/Charisius/(dpa

Köln – Moderator Micky Beisenherz wurde kürzlich richtig fuchsig. Er hatte das Fußballspiel Wolfsburg gegen Paderborn geschaut – und der Experte Lars Stindl habe dort mehrfach gesagt: „Die haben das Spiel gezogen.“ „Da bin ich innerlich wirklich gestorben. Ich kann es nicht mehr hören!“, wetterte Beisenherz, Fußballkenner aus Castrop-Rauxel, im Podcast „Fußball MML“. „Ich werde wahnsinnig!“

Wer – wie viele Menschen gerade zur WM – nur alle paar Jahre in den Kaninchenbau fachkundiger Fußball-Dialoge stolpert, wird sich tatsächlich wundern, welche Vokabeln in den vergangenen Jahren Karriere gemacht zu haben scheinen. „Ein Spiel ziehen“ gehört ganz sicher dazu – aber auch andere. Ein kleines Glossar.

„Ein Spiel ziehen“

Früher wollte man ein Spiel schlicht „gewinnen“ – heute wird es „gezogen“. Werden in einem Spiel Großchancen versiebt, sagt der moderne Fußballer danach nun mit ernster Miene: „Wenn du so ein Spiel ziehen willst, dann musst du eine davon reinmachen.“ Also: einfach fest anpacken, um etwas schwer Fassbares auf die richtige Seite zu wuchten. Meist hilft dabei die sogenannte „Restverteidigung“, auch so ein Wort. Für Gelegenheitsfans: Positionierung der Restgruppe einer Mannschaft im Ballbesitz. Geht’s dann schnell, sieht man auch schnell, ob die Restverteidigung stimmte. Vielleicht was fürs nächste Fachgespräch.

„Die Gruppe“

Vor ein paar Jahren mühte sich der DFB daran ab, den Titel „Die Mannschaft“ als Beinamen für das Männer-Nationalteam zu etablieren. Im modernen Fußball ist dagegen heute häufig die Rede von „der Gruppe“. Viele Spieler sind also „wichtig für die Gruppe“, gut aufgelegt, diplomatisch, motivierend – Teamplayer. Der Begriff klingt deutlich offener als „Mannschaft“, auch ein bisschen nach Soziologie-Seminar oder auch gleich Achtsamkeits-Workshop.

„Eklig“

Im Fußball gibt es Mannschaften, die nicht unbedingt durch spielerische Finesse auffallen. Sie müssen sich dann anderer Mittel bedienen. Früher galten Teams, die sich auf diese Art daran versuchten, einem überlegenen Gegner jegliche Spielfreude zu rauben, als „unangenehm“, „kampfstark“ oder „kompakt“. Heute sind sie „eklig“ – und das gilt als Ritterschlag.

„Überragend“

Wer Interviews nach dem Abpfiff lauscht, kann leicht ins Grübeln kommen. Mitunter werden dort sechs Spieler, drei Taktikkniffe und beide Fankurven als „überragend“ deklariert. Das Adjektiv „überragend“ hat im Fußball-Sprech das herkömmliche „gut“ in weiten Teilen abgelöst. Ein Adjektiv, das einst exklusiv für historische Ausnahmeleistungen reserviert war, adelt heute auch schon mal ein schnödes 1:1.

„Aura“

Kaum ein Thema scheint Deutschland vor der WM so sehr um den Schlaf gebracht zu haben, wie die mögliche Nominierung von Torhüter Manuel Neuer. Der ist zwar mittlerweile 40 Jahre alt, verfügt aber immer noch über eine besondere „Aura“. Gemeint ist damit, dass ein Superstürmer wie der Franzose Kylian Mbappé lieber zweimal überlegt, wo er hinschießt, wenn er auf Neuer zuläuft. Während er bei einem Torhüter ohne dessen „Aura“ humorlos einnetzt. Empirisch belegt ist das nicht. „Aura“ wurde 2024 aber immerhin zum „Jugendwort des Jahres“ gewählt.

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