Breitner hadert. © Imago
Kimmich muss rechts hinten ran. © Woitas/dpa
Musiala (re.), hier im Duell mit Vite, kommt auch weiterhin nicht zur Entfaltung. © Woitas/dpa
Sané, hier gegen Hincapié, war als Verteidiger gefragt. O.: Nagelsmann gibt Anweisungen. © Weiss/AFP, Gamba/dpa
Die Gruppenphase ist für die deutsche Elf – mit mehr Frust als Lust – vorbei. Höchste Zeit also für ein Zwischenfazit! Unsere Zeitung hat wie nach den ersten Spielen auch Paul Breitner (74) um eine Einschätzung gebeten. Beim Interview spricht der Welt- und Europameister die Baustellen der Elf von Bundestrainer Julian Nagelsmann wie gewohnt offen und ehrlich an:
Herr Breitner, welchen Nachgeschmack hat die 1:2-Niederlage gegen Ecuador bei Ihnen hinterlassen?
In der Zwischenzeit dürfte auch der Letzte, der nicht meiner Meinung war, einverstanden sein: Joshua Kimmichs Zeit auf der rechten Verteidigerposition ist vorbei. Mit dem Hochgeschwindigkeitsfußball, der zum Teil auch in der Bundesliga praktiziert wird, wird er einfach nicht fertig. Mit seinen Bewegungen lässt er uns das doch selbst wissen. Im ersten Spiel hat es ihn immer, wenn es möglich war, ins defensive Mittelfeld gezogen. Aber das ist noch nicht einmal das Schlimme an der Gesamtsituation.
Sondern?
Das eigentlich Schlimme ist, dass Julian Nagelsmann Sanés schwaches Spiel gegen die Elfenbeinküste verteidigt und ihn dann aber opfert, um Kimmich abzusichern. Kaum zeichnete sich ab, dass die Ecuadorianer einen Angriff fahren könnten, musste Sané im höchsten Tempo zurück, um den Raum des Rechtsverteidigers abzusichern. Sané hat fast die ganze erste Halbzeit Rechtsverteidiger gespielt! In Hälfte zwei war es etwas flexibler, aber wir haben streckenweise mit fünf Verteidigern gespielt: Kimmich, Tah und Rüdiger innen, Sané und Raum außen. Wie soll sich denn hier das Spiel nach vorn entfalten? Wurden wir mal gefährlich, dann in Folge von zwei, drei langen Bällen von Tah oder nach Ballverlusten Ecuadors.
Die Frage ist: Wenn nicht Kimmich hinten rechts, wer dann?
Bevor ich Sané dafür opfere, muss ich mir doch vorab Gedanken machen. Es wird immer betont, wie gut sich der Trainerstab mit jedem Gegner beschäftigt. Dann müsste doch irgendjemandem dieses Angriffstempo aufgefallen und eine Überlegung zwingend sein, wen es in der Bundesliga gibt, der da mithalten kann – und wenn es ein Mittelfeldspieler oder Außenstürmer ist. Bei 23 Feldspielern im Kader müsste doch Platz sein für Sprintertypen, die ich eben nur in solchen Spielen einsetzen kann. Es geht in erster Linie um Laufduelle. Jeder Spieler in der 1. und 2. Bundesliga weiß, wo die Grundaufgaben in Abwehr, Mittelfeld und Sturm liegen. Also kann es doch kein Problem sein, wenn mir mal auf einer Position nichts Besseres einfällt.
Es überwiegt auch der Eindruck, dass Akteure wie Florian Wirtz, Jamal Musiala, ja selbst Manuel Neuer nicht an ihrem Leistungslimit kratzen.
Wenn Wirtz oder Musiala mal die Form nicht haben, dann tut mir das nicht sonderlich weh. Was wir uns dagegen schon eingestehen müssen, ist, dass unsere gesamte Abwehr nicht WM-tauglich ist. Sie ist nicht ansatzweise reif, um in irgendeiner Weise über den Titel zu sprechen. Vier Gegentreffer in drei Spielen sprechen für sich.
Sehen Sie innerhalb so kurzer Zeit Verbesserungspotenzial?
Entschuldigung, aber wir reden hier von Nationalspielern. Da kann ich jeden einzelnen um Mitternacht aufwecken, ihn auf eine Position stellen und sie wissen, was zu tun ist. Ich nehme einen raus, stelle einen anderen dafür rein, fertig. Das Problem ist, dass Nagelsmann dabei ist, sich zu verrennen, indem er sagt, man könne da nichts machen. Aber natürlich kann man hier etwas machen! Sofern man denn will. Man kann alles auflockern, alles beweglicher machen.
Verstehen Sie, warum nicht rotiert wurde?
Nein. Als Grund hieß es, die Mannschaft müsse sich einspielen. Bitte, wir reden hier von Nationalspielern! Die brauchen doch keine hundert Spiele, um zu verstehen, was der rechts vor einem macht. Wenn ich Teil des Kaders wäre, würde ich sagen: Der Trainer vertraut mir nicht! Dann soll ich aber liefern, wenn er mich gegen Ende doch noch reinschmeißt. Warum in so einem Spiel nicht drei, vier Spielern eine Chance geben auf Positionen, auf denen es vorher nicht gepasst hat? Ich verstehe es nicht.
Alles in allem ein Warnschuss zur rechten Zeit?
Es wäre traurig, wenn wir einen Warnschuss bräuchten, um aufzuwachen und zu hinterfragen, was bei uns nicht stimmt. Bei uns stimmt die Aufstellung nicht. Bei uns stimmt das Tempo nicht. Und darunter leiden vor allem Spieler wie Musiala und Wirtz, die ein bisschen Wärme bräuchten. Wie wollen sie denn auch aufblühen, wenn sie 90 Minuten nur mitlaufen dürfen?
INTERVIEW: JOSÉ CARLOS MENZEL LÓPEZ