Es ist faszinierend, wie Männer sich innerhalb von Sekunden verändern können, sobald Fußball läuft.
Gerade eben sitzen sie noch geschniegelt auf dem Sofa und sprechen in angenehmer Lautstärke über Immobilienpreise, Schlafqualität oder die richtige Wassertemperatur für grünen Tee. Sätze wie: „Man muss einfach lernen loszulassen“ oder: „Eigentlich ist innere Balance das Wichtigste“, fallen völlig selbstverständlich. Und dann rollt ein Ball über einen Bildschirm.
Wir saßen an diesem Abend mit Freunden im Wohnzimmer. Die Stimmung war ruhig, fast elegant. Wein wurde eingeschenkt, Nüsse hingestellt, man sprach über Urlaubspläne und darüber, dass heutzutage alle irgendwie reizüberflutet seien. Noch zehn Minuten bis Anpfiff.
Benni, einer von unseren Freunden, geht einmal pro Woche zum Yoga und sagt Dinge wie: „Man darf Energien nicht an sich ranlassen.“ Christian kam tatsächlich im dunkelblauen Anzug zum Fußballabend. Vorstandsebene. Kontrollierte Stimme. Präzise Formulierungen. Ein Mann, der vermutlich sogar seine E-Mails mit Haltung öffnet. Mein Mann dagegen war tiefenentspannt. Locker zurückgelehnt, cool wie immer. Der Typ Mensch, der selbst unter Stress wirkt, als hätte er gerade Urlaub gebucht.
Und dann begann das Spiel.
Zunächst passierte gar nichts. Bis wenige Minuten später eine strittige Szene im Strafraum kam. Benni, der Yogi, sprang plötzlich vom Sofa auf und brüllte den Fernseher an: „ELFMETER! DAS IST EIN KLARER ELFMETER!“ Danach kehrte kurz wieder Ruhe ein. Christian, der Mann im Anzug, rückte seine Manschette zurecht, nahm einen Schluck Wein und wirkte für einen Moment wieder wie ein seriöser Vorstandsvorsitzender. Dann pfiff der Schiedsrichter erneut. Und plötzlich fuchtelte auch Christian wild mit den Armen und schrie, der Schiedsrichter habe „die Augen offenbar am Hintern“.
Mein Mann blieb weiterhin erstaunlich entspannt. Ich schöpfte schon Hoffnung. Bis auch er plötzlich aufspringen und den Fernseher anschreien musste. „WIE KANN MAN DAS NICHT SEHEN?!“ Spätestens da hatten wir Frauen uns in die Küche zurückgezogen. Dort hörte man nur noch dumpfes Gebrüll aus dem Wohnzimmer, als würden sich in der Ferne Wikinger auf einen Raubzug vorbereiten.
Und vielleicht ist es genau das. Vielleicht steckt tief in Männern einfach noch dieser Urinstinkt. Früher Jagdgemeinschaft, heute Großbildfernseher. Früher Speere, heute Fernbedienungen. Früher Lagerfeuer, heute fragwürdige Schiedsrichterentscheidungen. Evolution verschwindet schließlich nicht einfach so. Sie bekommt nur WLAN.
Ich nahm einen Schluck Martini, lehnte mich zurück und dachte: Schön, dass manche Dinge konstant bleiben. Innere Balance endet bei Männern genau dort, wo Fußball beginnt.