1990 im Viertelfinale glänzte die DFB-Elf keineswegs. © Rudel/Imago
East Rutherford – Die Deutschen hatten gewonnen, aber waren bedrückt. Dieses eine Spiel hatte sie vom Weg abgebracht. Zum Auftakt der WM Portugal entzaubert und die Vorrunde danach solide zu Ende gebracht zu haben – all das war weit weg nach dem Achtelfinale gegen Algerien. Ein Spiel, von dem noch über zehn Jahre danach viele Eindrücke präsent sind. Manuel Neuers Kläraktionen zwischen Strafraum und Mittellinie, Per Mertesackers Eistonnen-Interview. Die DFB-Elf war mit einem 2:1 nach Verlängerung weitergekommen, doch die Stimmungslage war, als wäre sie ausgeschieden. Und es stand an: das Viertelfinale gegen ein erstarktes Frankreich.
Wer den deutschen Tross damals, 2014, begleitete, wunderte sich in den folgenden Tagen im brasilianischen Campo Bahia über einen kompletten Wandel beim DFB. War es bis dahin schwer gewesen, einen Interviewtermin zu bekommen, so öffneten sich mit einem Mal die Türen. Neuer und Müller gaben die vielleicht ehrlichsten Insights ihrer Karriere, der DFB hatte bewusst diese beiden erfahrenen und beliebten Spieler eingesetzt, um die Stimmungslage zu beeinflussen. Die Geschichten aus Brasilien kündeten vom wiederentdeckten Optimismus. Von da an ging es auf den Titel zu.
Der Ruf von Deutschland als Turniermannschaft ist auch einem über Jahrzehnte bewährten Krisenmanagement geschuldet. 1974 verlor die (west)deutsche Mannschaft bei ihrer Heim-WM das aufgeladene Prestigeduell gegen die DDR 0:1. Bundestrainer Helmut Schön verlor von seinem Standing, Kapitän Franz Beckenbauer griff in Aufstellung und Ausrichtung ein – die Mannschaft kam mit einigen personellen Korrekturen in die Spur.
1982 stand die Blamage (gegen Algerien) am Anfang des Turniers, daraufhin riss die Mannschaft sich nach durchzechter Vorbereitung am badischen Schluchsee („Schlucksee“) zusammen. 1986 ging sie mit einem 0:2 gegen Dänemark aus der Vorrunde, formierte sich dann neu und kam wie vier Jahre zuvor ins Finale. 1990 in Italien geriet das Viertelfinale zum spielerischen Fiasko. Trotz des 1:0-Sieges gegen die Tschechoslowakei tobte Teamchef Beckenbauer, dass die Spieler Angst vor ihm bekamen: Es war ein Gewitter mit reinigender Kraft.GÜNTER KLEIN